Adventskalender: «E guets Nöis»

31 (Foto: Christoph Knoch)
Do. 31.12.2020, 07.00 Uhr
www.rkmg.ch
Vom 1. Advent bis Silvester stellen wir jeden Tag reihum ein Wort, ein Bild, einen Film, einen link auf die Webseite. Eine Übersicht findet sich unter www.rkmg.ch/advent2020.

Markus Dütschler schreibt im «Bund» am 31.12.20 eine höchst theologische Kolumne:
(Excuséz, «Der Bund», für einmal verletzen wir das Copyright und die Paywall.)

Segnen, was das Zeug hält
Tönt die übliche Floskel «ä guets Nöis» zu Silvester nach diesem besonderen Jahr nicht zu banal? Nein. Sie taugt auch jetzt – aber sie reicht nicht aus.

Dijon, Mitte 13. Jh. Segnender Christus (Foto: Christoph Knoch)
Wohin führt uns das neue Jahr? Einen kurzen Augenblick halten wir inne – und wünschen uns dann den Bergmannsgruss «Glück auf!»

Segnen Sie oft und gern? Nein? Weil Sie nicht religiös sind? Trotzdem tun Sie es dauernd. Sie sagen: «ä Guete!», «gute Reise!», «chömid guet hei!», «schöni Ferie!» oder «viel Erfolg bei der Prüfung!» Im sächsischen Erzgebirge begrüssen sich die Leute nicht mit «guten Tag!», sondern mit «Glück auf!» Was bedeutet, der andere möge wieder heil aus der bergmännischen Grube auffahren.

In der Schweiz – in der Servicewüste Deutschland weniger – wünscht die Kassierin im Supermarkt sogar im Samstagsstress allen «nones schöns Wuchenend!» oder «ä schöne Sunndig!». Das soll ein Segen sein, ohne erhobene Hände und Weihwasser?

Segen gleich sagen
Das Wort segnen»stammt vom althochdeutschen «segan», was mit dem lateinischen «signum» (Zeichen) zusammenhängt. Die Wörter segnen und sagen sind verwandt. Es gibt zahlreiche biblische Geschichten und auch Märchen, die zeigen, wie bedeutungsvoll es ist, was über jemanden gesagt wird: Ein Benedictus (gut gesagt) ist gesegnet, ein Maledictus verflucht.

An Silvester stehen wir an der Schwelle zum neuen Jahr. Übergänge galten stets als wichtige, aber auch nicht ungefährliche Momente: Geburt, Tod, Schulbeginn, Pensionierung, Heirat, Stellenwechsel. In katholischen Gegenden steht bei Strassenverzweigungen oft ein Kreuz, denn die Reisenden stehen, faktisch und symbolisch, an einem Scheideweg und benötigen Schutz.

Zum Jahreswechsel sagen wir routiniert: «Ä guets Nöis!» (Nebenbei bemerkt: Wie lange darf man das sagen? Manche behaupten, längstens bis zum Dreikönigstag. Andere sind grosszügiger und definieren den ganzen Januar als «Segensphase».)

Es ist noch nicht vorbei
Doch kann man nach diesem schwierigen Jahr «ä guets Nöis» wünschen, als wäre nichts gewesen? Jeden Tag sind Menschen an dieser Krankheit gestorben, und manche, die sie überlebt haben, bleiben davon gezeichnet. Firmen haben Pleite gemacht, Menschen ihre Stelle verloren. Und im neuen Jahr ist keineswegs alles vorbei, auch wenn sich das viele wünschen. Es warten noch schwierige Momente auf uns.

Was also sollen wir sagen? «Bleiben Sie gesund!» Das ist sicher nie falsch. Wir haben es oft gesagt, auch Herr Berset hat uns das seit März oft gewünscht. Irgendwie wirkt es abgedroschen. Andrerseits: Kann Gutes jemals abgedroschen wirken?

Seien wir ehrlich: Es sind in jedem Jahr schlimme Dinge passiert, von denen zu Silvester niemand etwas ahnte. An Silvester 1938 hat man sich zugeprostet, ohne zu denken, dass am 1. September ein Weltenbrand ausbrechen würde. Menschen stellten sich oft auf ein gemütliches, glückliches Jahr ein – und wurden jäh von einer Krankheit oder einem Unfall dahingerafft.

Echo aus dem Walde
Das alles wird uns hoffentlich nicht passieren. Wobei wir nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert sind. Manches können wir beeinflussen. «Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus», sagt der Volksmund. Viele Ereignisse sind das Echo unserer Taten.

Wenn wir «ä guets Nöis» oder «blybet gsund» wünschen, machen wir nichts falsch. Noch wirksamer wäre es, wenn wir uns in den kommenden 365 Tagen fragten, ob unser Verhalten für das Gegenüber angenehm und hilfreich ist, ob sich die anderen dadurch «gebenedeit» – oder eher «vermaledeit» fühlen. Bald kommt die Corona-Impfung. Doch das «Benedictus» wird es nicht gratis dazugeben. Das bleibt ganz unsere Sache.