Reinhard Furrer (3. Juli 1937 - 9. Januar 2026)

Reinhard Furrer war zwischen 1992 und 2002 Pfarrer in der Kirchgemeinde Muri-Gümligen.
Am 9. Januar 2026 ist er im 89. Lebensjahr verstorben.
Sein Engagement galt dem Unterricht mit den ersten Konfirmand:innen-Lager und regelmässigen Theateraufführungen.
Seine Inszenierungen der «Zäller Wiehnacht» sind für viele unvergesslich.
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Aus der Abschiedsfeier von Reinhard Furrer am 19. Januar 2026, 11 Uhr, Kirche Muri

ER – LEBENS – GESCHICHTE Reinhard Furrer (aus Aufzeichnungen des Verstorbenen)

Die Kindheit für uns war wunderschön und unbeschwert.
In einem älteren Zweifamilienhaus mit grossem, parkähnlichem Garten wuchs ich zusammen mit einem jüngeren Bruder auf. Auch in den benachbarten Gärten tummelten sich mehr oder weniger gleichaltrige Kinder. Als «Seefeldbande» waren wir positiv wie «negativ» bekannt.
Das ganze Quartier (eines der schönsten von Thun) mit seinen baumbereihten Strassen war unser Spielparadies.
Wir Buben mussten der Mutter schon früh im Haushalt helfen und ausnahmslos jeden Samstagnachmittag dem Vater im Garten. Das wurmte mich jeweils sehr, denn «alle anderen» Kinder konnten spielen. Immerhin, so meine ich, habe ich dort und damals die grosse Beziehung zum Garten und Gärtnern erhalten – seit Jahrzehnten mein Jungbrunnen.

Jugendzeit
Das Progymnasium (ab 5. Schuljahr) war eine tolle Zeit.
Eine gute Kameradschaft herrschte, die durch das (obligatorische) Kadettenkorps noch verstärkt wurde. Die Lehrer waren durchwegs Originale, wie es sie heute kaum mehr gibt und die an jedem Ehemaligentreffen «durchgenommen» werden. Der «Ausschiesset» mit dem legendären «Fulehung» jeweils zu Beginn der Herbstferien war der jährliche Höhepunkt.

Seminar Muristalden
Eine grosse Wende brachte der Seminar Muristalden mit sich.
Das Internatsleben (nur Buben) empfand ich direkt als „Freiheit“.
Ich denke gerne daran zurück. Des Öfteren ging ich über das Wochenende nicht nach Hause mit der Ausrede, ich hätte viel nachzuarbeiten. Es war überhaupt eine äusserst aktive Zeit: Ich wirkte im Seminarorchester mit, gründete ein Anfänger Streichorchester und durfte mit Hilfe des Musiklehrers Edwin Peter den Seminarchor leiten.
Ich initiierte einen Wettbewerb zur Bemalung der kahlen Treppenhäuser im Internatsgebäude und gab Anstoss zum Abschlusstheater «Romulus der Grosse» von Dürrenmatt, wo ich die Hauptrolle spielte.

Das Lehramt in Gsteig bei Gstaad.
Als junger Schulmeister wurde ich richtiggehend ins Wasser gestossen: 34 Schüler, vom 4. bis 9. Schuljahr hatte ich zu unterrichten. Das war vor allem ein organisatorisches Problem. Aber ich konnte bald einmal recht gut schwimmen…
Ich hatte meine Schüler gern, und sie mich. Disziplinarische Schwierigkeiten hatte ich kaum.
Da nur wenige Schüler von Gsteig die Sekundarschule in Saanen besuchen konnten, bestand eine sogenannte Erweiterte Oberstufe, in welcher die besten Sieben - Neuntklässler zusammengefasst wurden. Ihr Lehrer – ein Gsteiger und bereits älter und entsprechend müde, beneidete den jungen Lehrer, der mit Schwung, neuen Methoden und Ideen begeistern konnte. Er wohnte mit seiner Frau im Schulhaus, wie ich auch.
Beide spionierten mir dauernd nach und schikanierten mich, wo und wie sie konnten.
Mit der Bevölkerung kam ich gut aus und hatte bald einmal gute Freunde.
Warum gerade Gsteig? Seit meiner Kindheit und bis Ende Seminarzeit verbrachte ich praktisch alle meine Schulferien in Lauenen, dem Bergdorf im Nachbartal.
Das Saanenland war / ist mir bekannt, Lauenen wurde zu meiner zweiten Heimat.
Bei lieben Bergbauernleuten lernte ich alle Tätigkeiten eines Bergbauern (ausser Melken) verrichten, und lernte auch hautnah den Wechsel der Jahreszeiten kennen.
Nach einigen Monaten (Anfangslohn: Fr. 600.–) kaufte ich mir ein Auto, einen Hillman. Der kam mir vor allem gelegen, weil ich das Reiten entdeckt habe: Von einem Lauern durfte ich ein Pferd bewegen, was mir bald nicht mehr genügte, ich wollte richtig reiten lernen. Bei Maître Yersin in Château d’Oex erhielt ich die Anfänge in Dressur. Bis heute bin ich begeisterter Lernender in dieser wunderschönen «Sache».

Trotz vielem Schönen konnte ich nicht recht warm werden im Oberland, ich blieb irgendwie ein «Fremder» – es zog mich wieder ins Unterland.

Radio Bern
Nachdem ich nämlich bei Radio Bern (heute vielleicht Radio DRS 1) kleinere Rollen im Mundarttheatern lesen konnte, wurde ich vom damaligen Direktor, dem Radiopionier Dr. Urs Schenker, der auf der Suche nach «Nachwuchs» war, angefragt, ob ich ganz eintreten möchte, er würde mir eine Ausbildung bieten. Welche Chance!
Ich wurde der literarischen Abteilung zugeteilt, wo ich mit Reportagen aller Art begann, um dann vor allem kulturelle und literarische Sendungen und Sendefolgen zu betreuen und zu «machen»
Meine Stimme wurde entdeckt und ich erhielt das Lob, ich spräche das schönste Berndeutsch von Radio Bern; worauf ich heute noch ein bisschen stolz bin (Mutter: St. Gallerin, Vater: Zürcher!).
Eines Tages erklärte mir «Ri»: «Furrer, ihr müsst noch ein bisschen fort und die Welt kennenlernen; Ihr könnt dann wieder kommen!»
Und an einem gemütlichen Abend mit Freunden geschah es, dass ich meine Frau kennenlernte: Eine Bekannte aus Thun brachte sie, ihre Schwester, die eben aus London zurückgekehrt war, mit. Vom ersten Moment an wusste ich: Diese Annemarie wird meine Frau! Wir haben uns kurzerhand verlobt. Mit der Heirat ging es dann etwas länger.
Denn inzwischen hatte sich – gewiss nicht zufälligerweise! – etwas Konkretes in Sachen
Ausland ergeben: In der Urwaldprovinz Misiones, im Nordosten von Argentinien, sollte eine Schweizerschule aufgebaut werden.
Und dafür wurden Lehrer aus der Schweiz gesucht. Ich entschloss mich kurzerhand «auszuwandern», einer meiner Seminarkollegen ebenfalls. Obschon wir in einigen Sitzungen oder Kursen beim HEKS in Zürich etwas informiert und vorbereitet wurden (u. a. Sprache), war es ein Sprung ins Ungewisse. Dementsprechend schwer war der Abschied von daheim. Meine Frau sollte später nachreisen, wir wollten in Argentinien heiraten. Es kam dann anders:

Línea Cuchilla Misiones, Argentina
Urwald, darin Plantagen und einige Weiden, rote Erdstrassen, die sich bei den heftigen Regenfällen sogleich in gefährliche Schlammmassen verwandeln. Komfort war klein geschrieben, doch das Nötigste war vorhanden. Elektrisches Licht (Generator) gab es nur einige Stunden, sonst musste man mit Kerosinlampen auskommen. Auch das nächtelange Arbeiten (Vorbereiten der Lektionen in Spanisch) hat meine Augen lädiert.
In Misiones, dieser kleinsten Provinz Argentiniens (rund so gross wie vielleicht die Schweiz), ist man verloren ohne Fortbewegungsmittel. So kaufte ich mir (von Zigeunern) einen Jeep. Und da wir beide, meine Frau und ich – «Rösseler» sind, haben wir uns gleich einige Pferde angeschafft, die dort für wenig (Schweizer )Geld zu haben waren: Niña, Juancito, Colorado, Chamamé, Faíno. Es verging kaum ein Tag ohne Reiten.
Und dann kam der Zeitpunkt, mich zu entscheiden: Mich für eine weitere Periode in Misiones zu verpflichten oder zurückzukehren in die Schweiz.
Ich entschied mich, noch Theologie zu studieren.

Pfarrer in Muri Gümligen
Ich lebte von Anfang an auf in dieser Gemeinde. Pfarrer ist kein einfacher, sondern ein sehr anspruchsvoller Beruf - für mich nach wie vor der schönste!
Meine Stärke liegt jedoch in der Jugendarbeit. Da kam / kommt mir meine Seminar-Ausbildung zugute. Im kirchlichen Unterricht, dem Sorgenkind vieler Pfarrer, hatte / habe ich kaum je wesentliche Probleme. Ich führte die Konfirmandenlager ein, die anfänglich von meinen Kollegen nur zögernd übernommen wurden, heute aber eine feste Institution bilden. Zudem gründete ich die Junge Kirche Muri Gümligen für Jugendliche aus allen Pfarrkreisen, die sich mit den Jahren mehr und mehr zu einer Theatergruppe spezialisierte.

Reinhard Furrer
09.03.2026
7 Bilder
Fotograf/-in
Christoph Knoch und Weitere