Mit Pfingsten – neue Freiheit?

(Beitrag LoNa, 28.5.20) Der Bundesrat hat auf den (heutigen) 28. Mai eine neue Freiheit für die Religionsgemeinschaften verkündet. Diese frohe Botschaft kam für die Muslime wenige Tag zu spät, denn ihr grosses Fest zum Ende des Fastenmonats war am 24. Mai (Eid al Fitr).
Die jüdischen Gemeinden der Schweiz freuen sich, dass sie an Schawuot, dem Wochenfest und einem der wichtigen jüdischen Feiertage im Lauf des Jahres, nach langen Wochen wieder gemeinsam in der Synagoge beten dürfen. Selbstverständlich mit Anmeldung und Schutzkonzept. Reformierte und Katholiken wie die Freikirchen und die orthodoxen Kirchen haben alle ihre Schutzkonzepte erarbeitet. So dürf(t)en sie an Pfingsten wieder in ihren Sakralräumen feiern. Wir dürf(t)en in Gümligen 30 Mitfeiernde empfangen.

Einerseits.

Pfingsten<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>489</div><div class='bid' style='display:none;'>10015</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>
Andererseits aber sitzt uns Pfarrerinnen und Pfarrern die Meldung von den über 100 Angesteckten aus einer Frankfurter Kirche in den Knochen. «Natürlich, das war eine Freikirche, natürlich da wurde gesungen, vom Geist inspiriert.» Obwohl alle wissen, dass gerade das Singen den Corona-Viren beste Flug- und Ausbreitungsmöglichkeiten öffnet.
Doch wenn einen die Begeisterung überkommt? Dann muss ich doch aus tiefstem Grund meiner Seele singen!

Und das Andererseits heisst für uns, dass wir einander zwar sehr schätzen, aber einander umso mehr schützen wollen. Wir wollen niemanden dazu verführen, die neue Freiheit in der Gümliger Kirche auszuprobieren. Spaziergänge in der Gemeinde, mit Distanz, mit offenen Augen für die vielen kleinen Schönheiten am Rand, auf den Bäumen, am Himmel. Dazu möchten wir alle ermuntern.

Pfingstbild in zwei Teilen
Max von Mühlenen hat 1964 als letztes Fenster in der Kirche Gümligen Pfingsten dargestellt. Es wurde zu meinem Lieblingsfenster, denn es spiegelt das «Einerseits» - «Andererseits» in klaren Farben und Formen. Die Feuerflammen sind ganz abstrakt und doch klar erkennbar. Rot auf blauem Grund und umgekehrt. So in der einen Hälfte: Himmel und Luft, Feuer und Wasser.
Und die andere Hälfte zeigt eine weisse Taube auf schwarzem Grund. Starke Kontraste und radikale Gegensätze. Fliegen einerseits, das Bild für die Freiheit schlechthin (die Mauersegler auf dem Kirchenestrich machen es vor). Enge, Angst und Begrenztheit im total dunklen Schwarz.

«Wogen der Verzweiflung und Zungen wie von Feuer»
Pfingsten<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>489</div><div class='bid' style='display:none;'>10016</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

So der Titel der Pfingstbotschaft des Ökumenischen Rates der Kirchen. Weltweit hat Corona alle im Griff. Das gab es noch gar nie in dieser Art. Die Wogen der Verzweiflung gehen hoch. Bei uns wie andernorts. Gegen die Verzweiflung, gegen die Angst, so die Botschaft von Pfingsten, steht der inspirierende Geist. Die Freiheit, zu denken, zu forschen, nach Lösungen zu suchen.
«Zungen wie von Feuer» seien über den Jüngerinnen und Jüngern am Pfingsttag zu sehen gewesen. Ich war nicht dabei. Ganz verstehen kann ich die Geschichte nicht. Aber ich lasse mich alle Jahre von der Idee begeistern, dass sich plötzlich neue Perspektiven eröffnen und es möglich ist, neue und andere Wege zu gehen.

Weiterhin «Gottesdienste virtuell»
Neue Wege führen aus der Gümliger Kirche hinaus in die Gemeinde: jeden Sonntag sind Wort und Musik zu sehen und zu hören. Viele nützen das, weit über Muri-Gümligen hinaus. Das Pfarrteam hat – in Absprache mit dem Kirchgemeinderat – beschlossen, auf öffentliche Gottesdienste zu verzichten und weiter über das Internet präsent zu sein. Dazu besteht die Möglichkeit, von Montag bis Freitag zwischen 9 und 11 Uhr jemand vom Team der Mitarbeitenden in der Gümliger Kirche zu treffen. Die Nachbarschaftshilfe läuft weiter und bietet neu auch Begleitung für Spaziergänge an.

Ich bin froh, dass für die meisten von uns die schwierigste Zeit wohl vorbei ist. Dass die Wogen der Verzweiflung sich – wenigstens hier – glätten. Die Zungen wie von Feuer brauchen wir aber umso mehr. So wächst das Pfingstbild hoffentlich bald wieder zu einem ganzen runden Fenster zusammen -so wie es in der Gümliger Kirche zu sehen ist.

Ihr Christoph Knoch

  • PS: Am Mittwoch, 27. Mai hat der Bundesrat die hier genannte «Freiheit» mit «neue Normalität» umschrieben. Das ändert aber nichts an dem, dass wir alle weiter vorsichtig sein müssen - und für mich bleibt es bei diesem «einerseits» - «andererseits».
  • Ich wünsche allen, die unter ihrem Eingeschlossensein gelitten haben, dass sie es wagen, wieder hinauszugehen - ohne Angst. Dass sie gesund werden.
  • Ich wünsche uns allen, dass wir gesund bleiben und zuversichtlich leben ohne uns selber zu sehr einzusperren.
  • Vorsichtsmassnahmen aber bleiben. 30 Plätze in der Kirche Gümligen. Händewaschen, Abstand halten - und: «Arbeiten Sie, wenn immer möglich, weiterhin zuhause!» Das tun wir im Pfarrteam, sind aber wirklich erreichbar: telefonisch, per mail - und von Montag bis Freitag, 9-11 Uhr, in der Kirche Gümligen.


Gottesdienste und Texte: www.rkmg.ch/podcast