Mein Gott - Kein Gott?

Mein Gott - Kein Gott <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Ella&nbsp;de&nbsp;Groot)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>20</div><div class='bid' style='display:none;'>1877</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>
Mein Gott - Kein Gott (Foto: Ella de Groot)
Vor einem grossen Publikum sprach Ella de Groot über den für sie unbegehbaren Weg des
Theismus. Das theistische Bild eines personalen Wesens, das als
allmächtiger Gott der Welt gegenüber steht, passt nicht mehr zum
Lebensgefühl und zum Denken des Menschen des 21. Jahrhunderts. Diese dualistische Vorstellung zweier Wirklichkeiten will sie überwinden. Sie sucht nach einer neuen Sprache, von Gott zu reden.

"Mein Gott! Kein Gott?"
Vortrag im Forum Kirche und Gesellschaft
Calvinhaus Bern, 18. Nov. 2014


Geehrte Anwesende
In der Ausschreibung für diesen Anlass ist ein winzig kleiner, nur zwei Buchstaben umfassender Fehler aufgetreten. Es ist aber einer, mit einem grossen Bedeutungsunterschied. Ich bin nämlich aufgefordert, so die Ausschreibung, zu reden über den für mich begehbaren Weg des Theismus. In Wirklichkeit aber, werde ich über das Gegenteil reden, nämlich über den für mich unbegehbaren Weg des Theismus.

Dieser ‚Schreibfehler‘ zeigt - unbeabsichtigt - auf etwas Merkwürdiges in mir: Bin ich mit atheistischen Freidenkern im Gespräch, profiliere ich mich gerne als gläubige Christin; sitze ich in einer Kirchenbank und nehme am Gottesdienst teil, so fühle ich mich spätestens beim ersten Gebet, das Gott als ein personales Gegenüber anspricht, selber als eine Freidenkerin.
Nein, das liegt nicht daran, dass ich querköpfig sein will, sondern es liegt an der Thematik, in der Frage: Wie reden wir von ‚Gott‘.

Auf dieser Suche möchte ich Sie mitnehmen. Denn ich bin auf der Suche. Schritt um Schritt habe ich Abschied genommen von den kirchlichen Dogmen. Glauben ist frei. Und wir dürfen daraus kein ‚Wissen‘ über Gott machen.
Diese Suche ist ein langsamer Prozess und der hat sich schon früh bei mir eingestellt. Meine Arbeit als Seelsorgerin in der Gemeinde, meine Arbeit im Careteam, die Fragen nach Gott, Leiden und Tod über die Grenzen meiner Konfession hinweg, hat wesentlich zu diesem Prozess des Loslassens der Dogmen beigetragen.

Vorab möchte ich sagen, dass es eigentlich keinen Sinn macht, zu formulieren und zu ergründen, was im Grunde genommen nicht zu kennen ist. Wenn wir über Gott reden, reden wir über eine Sache, worüber nichts zu wissen ist. Wir reden in Kategorien von Annahmen, Erlebnissen und Erfahrungen.
"All unser Reden über ‚Oben‘, kommt von Unten auch wenn wir sagen, dass es von Oben kommt." (H.Kuitert)
Gott ist das, was ich Gott nenne, was Sie Gott nennen, wie wir ihn denken. Gott ist ein Name, den wir mit einer Erfahrung, mit einer Vorstellung verbinden. Das problematische daran ist: meinen Erfahrungen und Vorstellungen, meiner Fantasie – und hier rede ich von der Fantasie als die Vorstellungskraft sich innere Bilder zu machen – meiner Fantasie können Sie keine Wahrheit entnehmen.

Einleitende Gedanken
"Zuerst gab es die Menschen. Danach kamen die Religionen, die Götter und Gott." Das ist ein Zitat von Prof. Harry Kuitert, emeritierter Dogmatiker der Universität von Amsterdam.
Die Religionen sind das Vermächtnis unserer Vorfahren. Sie haben ihrer Welt und sich selbst Bedeutung verliehen, indem sie die Welt und ihre Erfahrungen in Worte und Bilder gefasst haben.
In der NZZ vom letzten Sonntag las ich über das Forschungsergebnis amerikanischer Wissenschaftler, die den Einfluss sozialer und ökologischer Faktoren auf die Religion untersucht haben. Knappe Ressourcen und schwierige klimatische Bedingungen begünstigen den Glauben an einen moralisierenden Gott. Wo die Menschen unter harten Bedingungen leben, glauben sie eher an einen strengen, strafenden Gott. Soweit diese Studie.

In allen Religionen geht es darum, Erfahrungen über die Grenzen des Verstehens zu deuten. Das, was ich nicht verstehe, die Erfahrung, die über mich hinausgeht, von der möchte ich die Bedeutung wissen. Wir alle machen religiöse Erfahrungen. Die Religionen deuten solche religiösen Erfahrungen.

Religionen brauchen deshalb Hermeneutik, Auslegung. Sie brauchen eine Antwort auf die Frage: Wie haben unsere Vorfahren sich selbst und ihre Welt erklärt, und wie machen wir das heute? Und ist die Tradition, sind die Überlieferungen uns dabei eine Hilfe?
Die Menschen vor uns haben das, was sie für das Mysterium des Lebens gehalten haben, oder mit den Worten von Paul Tillich "das, was uns unbedingt angeht" Gott genannt und so als Gott erfahren.

Der moderne Mensch
Unsere heutige Welt wird nicht nur gekennzeichnet durch die autonome Entwicklung von Wissenschaft, Kultur und Politik, sondern auch durch die eigenständige Entwicklung von uns selbst.
Die individuelle Entfaltung ist hoch im Kurs.
Gleichzeitig sind wir auf der Suche nach einer Vertrauensbasis, die dazu passt. Wir wissen nicht mehr, welche Bedeutung Gott in unserem Leben hat, und doch suchen wir nach einer religiösen Basis. „Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube, dass es eine höhere Macht gibt, ein Etwas hinter unserer Wirklichkeit“ ist ein Satz, den ich oft in Trau-, Tauf-, oder Trauergesprächen höre.
Diese Form von immer weniger Glauben, dieser ‚Minimalismus‘ führt einerseits dazu, dass der Himmel quasi ‚chemisch gereinigt‘ wird, andrerseits verlieren auch die Rituale, wie der Gottesdienst, ihre Bedeutung. Der Unglaube, oder der Fast-Unglaube macht passiv, dadurch sinkt die Intensität vom Erleben, um sich schliesslich völlig zu verflüchtigen. Es ist wie eine Spirale: weniger Glauben, weniger Erleben in den Ritualen bis schliesslich fast nichts mehr. Aktive Kirchgängerinnen sind so in kurzer Zeit passiv oder post-kirchlich geworden.

Kürzlich hat eine Studie des Nationalfonds zur Frage der Religiosität und Spiritualität der Menschen in der Schweiz vier Typen von Glaubensvorstellungen ausgemacht:
- Zur grössten Gruppe, den "Distanzierten» gehören mehr als die Hälfte der Befragten, nämlich 57 Prozent. Diese Gruppe dürfte in Zukunft weiter wachsen. "Sie wissen nicht so recht, wie sie sich Gott vorstellen sollen», darunter gehören die Agnostiker.
- Die zweite Gruppe, die "Institutionellen», machen mit 18 Prozent knapp ein Fünftel aus. Innerhalb dieser Gruppe wächst die Freikirchliche Richtung. Wer sich einer Freikirche zugehörig fühlt, sieht "Gott als übernatürlichen Freund, Herrn und Wunderwirker».
- In der dritten Gruppe der "Alternativen» wird Gott hingegen meist als eine "Licht-Kraft-Energie» verstanden. Zu den "Alternativen» zählen die Forscher 13 Prozent.
- Die restlichen 12 Prozent schlagen sie der vierten Gruppe zu, den "Säkularen». Auch diese Gruppe, die Atheisten, die Gott als eine Illusion definiert, dürfte in den nächsten Jahren stark wachsen.
Das bedeutet, dass rund 80 Prozent der Befragten die traditionellen Vorstellungen von Gott und die kirchlichen Dogmen nicht mehr glaubwürdig finden.
Diese Menschen sind sozusagen am Nullpunkt der offiziellen Kirchenlehre angekommen. Sie haben sich von allem befreit, was sie nicht mehr nachvollziehen können. Sie haben den Himmel ‚chemisch gereinigt‘, sie sind die Minimalisten. Diese Menschen sind kaum noch in der Lage, ein aktives religiöses Leben zu führen. Es ist eine kahle, leere Lebensanschauung, die ihre religiösen Bedürfnisse nicht beantworten kann. Es sind Menschen, die nicht mehr glauben können und doch eigentlich religiös sein möchten. Durch ihre minimalistische Einstellung haben viele sich von der Möglichkeit der religiösen Erfahrungen abgeschnitten.

Das tut weh. Das stelle ich immer wieder fest im Gespräch mit meinen Konfirmanden und ihren Eltern. Die meisten glauben nicht an Gott, wie sie sagen, können nichts mehr anfangen mit den kirchlichen Ritualen, möchten aber trotzdem in ihren religiösen Gefühlen ernst genommen werden.

So ist das religiöse Dilemma unserer Zeit entstanden: nicht mehr glauben können und trotzdem religiös sein wollen. Einige von ihnen merken, dass es da aber immer noch etwas gibt, das alles Alltägliche übersteigt. Diese Menschen nennen wir auf Holländisch die "Ietsisten". "Iets" bedeutet "etwas". Diese Leute glauben immer noch an "etwas".
Aber was ist dieses Etwas?
Für viele Menschen ist der Glaube an etwas Höheres verbunden mit der Bejahung eines Geheimnisses, eines Mysteriums. In der religiösen Sehnsucht geht es um das Verlangen nach Erfahrungen, die über einen hinaussteigen, Erfahrungen, die jenseits des Verstehens liegen. Die Kernfrage ist: können wir solche Erfahrungen machen, ohne Glauben an Gott?

Kann die christliche Kirche auf solche Erfahrungen von einem Etwas reagieren und eine neue Sprache, neue Bilder entwerfen? Anders gesagt: Wie können wir religiöse Erfahrungen in unserem Leben und gleichzeitig die Autonomie der verschiedenen Lebensgebiete in eine Sprache fassen, die sowohl Teile der christlichen Tradition als auch dem modernen Leben Rechnung trägt.

Ich denke, dass das möglich ist. Die Entwicklung einer Religiosität ohne Glauben an einem Gott im Himmel ist ein Trend in unserer Kultur geworden. Darum meine ich, dass es an der Zeit ist, aufzuhören zu denken, dass es ein "Er" gibt, der immer und alles auf Distanz regiert. Es gibt keinen Gott über uns, weit weg. Diese theistische Vorstellung hat ihre Zeit gehabt, sie ist vorbei, finde ich.

Weg vom Theismus
Unter Theismus verstehe ich den Glauben an einen Schöpfer, an einen über den Menschen stehenden personalen Gott. Der Theist glaubt, dass Gott als ein selbständiges Wesen über unserer Wirklichkeit tatsächlich existiert. Im Theismus geht man aus von einer Dualität zweier Wirklichkeiten: von einer Wirklichkeit ausserhalb unserer Wirklichkeit und von unserer Wirklichkeit, einer hier und jetzt erfahrbaren Wirklichlichkeit.
Das Problem liegt für mich in diesem Dualismus. Der christliche Dualismus hat den Unterschied zwischen Gott und der Welt so hochgradig überzogen, dass wir nicht mehr aufzeigen können, wie beide, Gott und die Welt, eine Einheit bilden.

Wie ist es zum Theismus gekommen?
Das hat meines Erachtens mit dieser Erfahrung eines Etwas zu tun, die als urmenschlich bezeichnet werden kann. Jeder Mensch hat, so vermute ich, eine Ahnung von etwas, das ihn übersteigt. Es ist die sogenannte Erfahrung der Transzendenz. Der Mensch ist geneigt, einer solchen Erfahrung eine Bedeutung zu geben, sie verstehen zu wollen und einzuordnen mit Symbolen, Worten und Ritualen. So kann aus einer innerlichen Erfahrung ein Gedanke entstehen, eine Vorstellung, ein Bild, ein Bild von einem Wesen "Gott".
Dieses Bild kann nichts anderes sein, als eine Projektion von dem, was der Mensch selber als Bezugsrahmen hat. Er füllt das Bild mit dem, was er kennt, mit Personen, die ihn beeindrucken: ein Vater, ein König, ein Herrscher etc.
So verstehe ich die Entwicklung des Theismus: ausgehend von einer psychologischen Urerfahrung hin zu einer Idee, der Idee, dass ein Wesen "Gott" in einer parallelen Wirklichkeit über unserer Wirklichkeit thront.

Dieser Weg des Theismus ist für mich unbegehbar geworden.

Das theistische Bild eines personalen Wesens, das als allmächtiger Gott der Welt gegenüber steht, passt nicht mehr zum Lebensgefühl und zum Denken des Menschen des 21. Jahrhunderts. Das hat drei Gründe:
- Erstens: Das seit Darwin evolutionär materielle Weltbild in dem ein Schöpfergott, der ins Weltgeschehen eingreift, keinen Platz mehr hat.
- Zweitens: Die Frage nach dem Leid und nach dem Bösen vor dem Hintergrund eines allmächtigen Gottes
- Drittens: Der Wahrheitsanspruch der unterschiedlichen Religionen in einer globalen Welt.
Das theistische Gottesbild verneine ich, um zu einem neuen Umgang mit dem Religiösen zu kommen.

Anatheismus
Wie nun weiter?
Wie können wir umgehen mit den religiösen Gefühlen, mit den Erfahrungen des uns Übersteigenden, die wir alle machen? Wie können wir umgehen mit der Überzeugung, dass es diesen personalen, theistischen Gott nicht gibt? Dazu brauche ich die Worte von Bonhoeffer: "ich lehne Gott als Arbeits-hypothese ab".

Und ich? Ich lasse die Metaphysika und den Dualismus hinter mir und gehe aus von dem einen, modernen Weltbild: Es gibt nur die eine, unsere Wirklichkeit. Doch diese Wirklichkeit kann immer wieder in einer transzendenten Dimension erfahren werden. Wir sind es selber, die es so erfahren. Wir haben eine intuitive Ahnung von etwas, das uns übersteigt, zum Beispiel in der Erfahrung des Schönen, der Schönheit der Landschaft oder in der Liebe zwischen zwei Menschen. Diese psychologische Erfahrung übersetzen wir in Dankbarkeit, Staunen, Entzücken, oder, wenn es negativ besetzt ist, in ein Schaudern. Und es liegt an uns, an unserer Erziehung oder Überzeugung, ob wir diese Erfahrung mit Gott in Verbindung bringen oder nicht.

- Kürzlich hörte ich einen agnostichen Religionswissenschaftler über eine solche Erfahrung erzählen. Er war in der Wüste Sinai auf den Berg Horeb gestiegen. Oben angekommen setzte er sich hin, überwätligt von dem Berg und seiner Umgebung. Voller Skepsis dachte er: “Das ist nun der Ort, von dem der Mythos erzählt, hier habe Mose die Gesetzestafeln empfangen”. Und dann fuhr es durch ihn hindurch: bist du dir so sicher, dass es wirklich nur ein Mythos ist? Es war eine Erfahrung, die seine in Sicherheit gewiegte Unsicherheit ins wanken brachte.

Ich suche nun einen Weg, um diesen Erfahrungen einen Platz in meinem Leben zu geben, ohne Gott. Dazu braucht es eine andere Theologie und ein anderes, nicht-personales Gottesbild. Oder ich suche nach einer Antwort zur hier gestellten Frage im Titel meines Vortrags: Mein Gott, kein Gott?

Bis vor kurzem gab es in unserer Kultur nur diesen Gegensatz: Theismus oder Atheismus. Man ist entweder gläubig oder ungläubig und damit religiös oder eben nicht. Religiös und gläubig waren bis jetzt noch Synonyme. Ohne Glauben keine Religion. Doch die Menschen heute sind im Begriff diese Meinung zu ändern. Für viele ist das Versprechen, im Glauben Sicherheit zu haben, nicht mehr erwünscht. Das Suchen ist das Faszinierende, die Sensation des Mysteriums ist das Attraktive. Diese Menschen betrachten sich nicht als gläubig oder ungläubig, sondern als a-gläubig.

Der irische Philosoph Richard Kearney hat einen neuen Begriff eingeführt:
den Begriff des Anatheismus. Zwischen Atheismus einerseits und Theismus andererseits haben wir die Möglichkeit, tiefer und freier zu reagieren auf das, was wir erfahren, aber nicht beweisen können. Kearney nennt diesen Moment 'ana-theos', oder 'nach-Gott', an Gott vorbei. Es ist sowohl der Moment vom Bruch mit alten Sicherheiten als auch der Moment von dem neu geschaffenen Raum des kreativen Nicht-wissens.

Den Gedanken vom kreativen Nicht-Wissen nehme ich auf, gleichzeitig will ich die Erfahrung des uns Übersteigenden einbringen. Solche Erfahrungen sind meistens Gefühle des Einswerdens, in der Natur, in der Liebe, aber auch in der versöhnenden Haltung mit dem Leben, so wie es gelebt wird.

- Vielleicht haben Sie den Film Yalom’s Cure gesehen. Auch Irvin Yalom spricht über dieses Verlangen nach Einheit, nach Einswerden das jeder Mensch kennt. Das ist der eigentliche Lebenssinn, nach Yalom.

Religiöse Bilder beurteile ich nicht mehr nach wahr oder unwahr. Religiöse Vorstellungen sind individuell und, ja, auch eine Frage des Geschmacks geworden. Bringen sie uns etwas?
Ausschlaggebend ist die Frage, ob ein Bild, eine religiöse Vorstellung mich anspricht, mich inspiriert.

Diese Erfahrung vom Angesprochen werden nenne ich die Erfahrung der Kraft des Geistes. Und die Theologie, die dazu gehört, ist die Pneumatheologie, entwickelt durch Prof. Dr. Gijs Dingemans von der Universität Groningen.

Wenn ich eine solche Erfahrung des Einswerdens oder die Erfahrung des Transzendenten, die Wahrnehmung des mich-Übersteigenden mache, dann bin ich berührt und ergriffen von der evolutionären Kraft, die im Kosmos steckt.
Dieses Einswerden erfahre ich sowohl in der Begegnung mit anderen Menschen, wie auch als Individuum in den grossräumigen Strukturen des Kosmos.

In der Evolution steckt eine natürliche Kraft. Sie ist nicht Gott, sondern sie ist eine Kreativität, eine schöpfende Kraft, die als immanente Energie in dieser Welt, im Kosmos präsent ist. In diesem Prozess gibt es Gesetzmässigkeiten, Kausalitäten und Zufälle. In allem ist diese Kraft vorhanden. Die Natur ist nicht göttlich, sondern zeigt Spuren einer Kreativität. Diese kreative Kraft ist eine der Energien, die wirken in unserer Existenz, aber nicht die einzige.

Der Mensch hat in seiner Freiheit die Möglichkeit, auf diese kreative Kraft zu reagieren. Wir haben die Möglichkeit, die Kraft umzusetzen. Diese Freiheit können wir auch missbrauchen. Diese kreative Kraft ist eine von vielen Kräften in unserem Leben. Ich glaube, dass die allerhöchste Gestalt dieser Kraft die Liebe ist.
Die Liebe betrachte ich als den stärksten Ruf, den Appell zur Einheit.

Neben dieser Einwirkung der kreativen, lebensfördernden Kraft gibt es auch andere Kräfte, die in der Welt wirksam sind. Menschen haben so viel Freiheit, dass sie den Lauf der Geschichte mitbestimmen; sie rufen Kräfte auf, die sie kaum mehr selber im Griff haben. So gibt es ein nebeneinander oder häufig auch gegeneinander von Kräften. Das Leben ist voll positiver Kräfte (Liebe, Treue, Mut) und negativer Energien(Eifersucht, Hass), Kräfte, die das Leben entweder vorantreiben oder behindern.

Diese kreative Kraft, die schöpfende Geistkraft, nenne ich die überzeugende Kraft der Liebe. Diese Kraft wirkt wie eine rufende Stimme. Die Kraft ist nicht über uns, nicht unter oder hinter uns, sondern in uns und uns immer voraus als die rufende Stimme der Liebe, der Gerechtigkeit, die ein Appell ausübt auf uns Menschen. Das, was wir göttlich nennen, kommt zu uns in der Gestalt des Anderen. Es ist immer eine Begegnung im Hier und Jetzt, eine Begegnung, der ich ein "Obendrein", ein "Surplus" zuschreibe, eine Begegnung die unsern Verstand und unser Wissen übersteigt, die uns transzendiert und so einen Appel auf uns ausübt. Das ist das "Obendrein" im Leben, durch das ich aus mir selber heraus aufgerufen werde.

Genau in dieser Dimension des Appells, der Transzendenz, liegt der Grund, so Richard Kearney, warum die anatheistische Bewegung nicht nur eine humanistische, sondern eine explizit religiöse Bewegung ist. Der Blick auf das "Obendrein" im Anderen, die Anerkennung der Dimension der Transzendenz in ihm, lädt uns ein, mehr Hoffnung zu haben.

- Dazu möchte ich ein Beispiel bringen aus meiner Zeit in Rotterdam, wo ich im vergangenen Winter einen Studienurlaub gemacht habe. Ich war in dem schlechtesten Quartier der Stadt unterwegs um ‚Unorte‘ zu fotografieren, als ich unerwartet von einem aufgeregten Mann aus Suriname angesprochen wurde, der in mir eine Gemeindeangestellte vermutete. Er beschwerte sich über die herumlungernden Jugendlichen in seiner Strasse, die vieles kaputt machten. Er habe deshalb eine Webcam installiert, um Beweismaterial zu sammeln. Private Webcams sind unerlaubt. Ich fühlte mich ertappt und ‚auf der anderen Seite‘ der Gesellschaft. Der Mann gab mir nicht die Gelegenheit zu erklären, wer ich war und was ich dort machte. Ich hatte sogar einen ganz kurzen Moment Angst, Angst vor seinen funkelnden Augen und vor dem, was ich befürchtete, was kommen würde, aber nicht geschah. Ich gab ihm Zeit, viel Zeit, seine Frustrationen los zu werden und konnte diese Zeit nutzen, mich zu beruhigen und mich auf ihn einzulassen.

In dieser Verlangsamung begann ich zuzuhören. Mit meinem Warten schuf ich den Raum, mir selber zuzugestehen, nicht zu wissen, wie mit der Situation umzugehen. Eine Leere entstand, in der ich mit der Situation ins Reine kommen musste. Unser Gespräch nahm eine überraschende Wende. Er erzählte von seiner Frau, die zur Arbeit gehe, er aber sitze alleine zu Hause. Sie schimpfe mit ihm, weil er zu viel am Computer sitze und nichts mache.
Plötzlich kehrt er zurück zum Thema der Jugendlichen. Jetzt sei ihm eine Idee eingefallen: er könne die Jugendlichen doch mal zu sich zu einem Kaffee einladen und dann mit ihnen zusammen die Situation der Strasse besprechen, wie sie es für alle gemütlicher machen könnten. Und dann könnten sie zusammen die Bilder anschauen und vielleicht sogar darüber lachen.
In dieser hoffnungsvollen Stimmung, ungefähr eine halbe Stunde später, verabschiede ich mich von ihm, durchgefroren aber innerlich erwärmt.


Welche Worte und Bilder haben wir, um unsere religiösen Gefühle zum Ausdruck zu bringen?
Wer ohne Glauben versucht religiös zu sein, kann das nicht anders zum Ausdruck bringen als mit den vorhandenen Mitteln. Ich kann mein nicht-Wissen und mein nicht-Glauben füllen mit Ritualen und Geschichten von Menschen vor mir. Da frage ich: was inspiriert mich? Das können biblische Geschichten sein, das können in Zeiten von Not sogar die Psalmen sein, ohne daran zu glauben, dass sie wahr sind. Das kann die Weihnachtsgeschichte sein oder es können Gospels sein. Die Frage ist: was inspiriert mich? Und dann kann ich sogar aus anderen religiösen Traditionen stehlen, wie das Alain de Botton vorschlägt.

Die "anatheistische" Option, wie Kearney sie versteht, ist keine "Erfindung" der Postmoderne, sondern eine Bewegung, die immer auch schon in der Bibel beschrieben worden ist.

Die Bibel
Nach der christlichen Tradition ist die kreative, lebensbejahende Geistkraft sichtbar geworden in den Worten der Propheten und vor allem im Auftreten Jesu. In seinen Worten und Taten sind Spuren von dieser Kraft, von diesem Appell sichtbar. In den biblischen Erzählungen über ihn ist von diesem Blick auf das "Obendrein im Anderen", ist die Anerkennung der Dimension der Transzendenz im Anderen immer wieder die Rede. Ich denke hier vor allem an die Heilungsgeschichten.

Wenn ich sage, dass wir aus uns selber heraus aufgerufen werden, bedeutet das nicht, dass wir nun nach einer tiefen, mysteriösen inneren Stimme suchen sollten, sondern wir schauen – als Christen – zuerst auf das Leben Jesu und dessen Folgen in der Geschichte. Im Leben Jesu sind die Spuren der nach Zukunft ziehenden Kraft am deutlichsten erkennbar. Da ist der Ort, den wir deuten als der Ort an dem der Geist sichtbar wurde.

"Gott ist Geist" sagt der Evangelist Johannes (Kap.4)

Dieser Geist ist vergleichbar mit der in unserer Welt wahrnehmbaren Kraft oder Energie. Spürbar, nicht greifbar. Verborgen, aber kräftig, Raum gebend und belebend …, erfahrbar, wenn man sich dafür öffnet.

Es tönt vielleicht esoterisch, ist aber sehr weltlich, sehr "von hier". Es ist die Kraft, die Energie der Liebe, voll Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Die Sprache reicht nicht aus, es zu beschreiben.
Es ist eine Kraft, die inspiriert, die eine Ziehkraft zur Liebe ausübt. "Gerufen" und "inspiriert" werden sind Begriffe, die mit dieser Geistkraft in Zusammenhang stehen. Der Ruf ist der Appell.

Der Evolutionsprozess und die Geschichte der Menschen sind dauernd in Bewegung, suchend nach Harmonie, welche immer wieder gestört wird, sowohl durch kreative Energie, die den Prozess erneuern, als auch durch destruktive Kräfte, die den Prozess behindern.

Anders reden.
Die Frage ist nun, welche Auswirkungen der Abschied von anthropomorphen Gottesbildern, der Abschied von dualistischen Vorstellungen, auf die liturgische Sprache hat. Müssen wir anders reden und wenn ja, wie?
Da geht es um die Frage, ob die Sprache der Tradition, mir etwas sagt, mich inspiriert. Manchmal ist das so, manchmal auch nicht. Ich kann Psalmen aus dem Kirchengesangbuch singen, ohne zu denken, dass es wahr ist, dass da ein Gott ist, der rettet aus der Not. Es gibt ihn ja nicht, denjenigen, der rettet. Der Psalm ist ein Gedanke von Menschen, die sich einst an dieser Vorstellung geklammert haben. Ich kann mich, wenn ich in Not bin, durch diese Sätze stärken lassen, ohne Glauben, sondern nur durch eine inspirierende Sprache und Bilder. Eine reiche Welt von religiösen Traditionen liegt zu unseren Füssen. Alte Kathedralen, schöne Moscheen und Tempel, unterschiedliche religiöse Bräuche, Feste und Rituale. Alles liegt parat um neu entdeckt zu werden. Der a-Gläubige oder der anatheistisch Gläubige kann daraus nehmen, was ihn inspiriert. Sei es religiöse Musik oder Tanz, Gebete oder Rituale. Religionen sind unerschöpfliche Inspirationsquellen.

Im Anatheismus werden die Grenzen von Konfessionen und Religionen überschritten. Für alle Religionen gilt nämlich: die religiöse Erfahrung ist für alle Menschen gleich, sie ist eine urmenschliche Erfahrung. Und wer will, kann diese Erfahrung mit dem Wort Gott, mit alten Liedern und Traditionen füllen.

Ein grosses Vorbild im Umgang mit religiöser Sprache ist für mich Etty Hillesum.
Sie war eine niederländische Jüdin, 1914 geboren in Middelburg und 1943 in Auschwitz ermordet. Ihre posthum herausgegebenen Tagebücher aus den Jahren 1941–1943 mit dem Titel "Das denkende Herz der Baracke" machten sie international bekannt. Etty wuchs in einer säkularen Atmosphäre ohne jüdische Erziehung auf. Sie stand völlig unbefangen gegenüber dem Wort "Gott".
Sie dachte in diesem Sinne sowohl am Theismus wie auch am Atheismus vorbei, weit weg von einer Religion. Theologie lag ihr völlig fern. Doch ihre Erfahrungen waren sehr intensiv. Sie begegnete dem Obendrein im Leben. Sie entwickelte ein religiöses Bewusstsein. Sie sprach zu Gott, wie zu sich selbst. Sie hatte einen Hunger nach Einheit, sowohl geistlich, wie körperlich.

Im Laufe der Jahre fühlte Etty dieses Obendrein, diese Einheit, dieses Surplus des Lebens als eine tiefe Wirklichkeit, durch die sie getragen wird. Sie schreibt in ihrem Tagebuch: „Wenn ich bete, führe ich einen verrückten oder kindlichen oder todernsten Dialog mit dem, was in mir das Allertiefste ist und das ich der Einfachheit halber als Gott bezeichne“. Und später: "dadurch ruhe ich in mir selbst. Und jenes "Selbst", das Allertiefste und Allerreichste in mir, in dem ich ruhe, nenne ich Gott. Eigentlich ist mein Leben ein unablässiges Hineinhorchen in mich selbst, und in andere. Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste in dem anderen horcht. Gott zu Gott."

Das schreibt sie, eine junge Frau, im Kamp Westerbork, wartend auf den Transport nach Ausschwitz, völlig im Bewusstsein was ihr dort wartet. Die Theodizeefrage, die Frage nach dem Leiden, muss sie nicht beantworten, weil die in ihrem Gebrauch des Wortes Gott gar nicht relevant ist. Das was sie Gott nennt, ist das meist Wehrlose in ihrem Inneren und im Inneren des Anderen, es ist das, was wir beschützen müssen. So schreibst sie: „Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott.“

Ihr Reden über Gott beginnt also nicht mit dem Gott aus der Tradition, er ist kein theistischer Gott, kein existierender Gott, sondern, ihr Reden über Gott beginnt mit der verletzlichen Erfahrung der Liebe. Es ist eine psychologische Erfahrung, die man Gott nennen kann, oder auch nicht.

Und wir? Wie reden wir nun über Gott?
Ich kann nur reden über Gott in der Leere vom Nicht-Wissen, als a-Gläubige.
In dieser Leere öffne ich mich für die Erfahrung von dem, was mich übersteigt, für die Erfahrung der Einheit. Erst dann bin ich wieder offen, um unbefangen über Gott zu reden, wobei Gott total frei ist von theistischen Claims.
Religiöse Sprache wird so wieder zu Kunst, zu Poesie und Lyrik, anstelle vom Wissen. Denn religiöse Sprache gehört zur Fantasie und Ein-Bildung. Sie muss völlig frei sein vom Faktischen, Tatsächlichen, Realen. Religiöse Sprache ist immer Metaphorisch, wir reden "sozusagen" über Gott.

Oft wird mir die Frage gestellt "wenn wir nicht mehr in Gott als Person glauben, warum tut man in der Kirche dann immer noch so als ob?"

Meine Anatheistische Antwort lautet:
Ich rede "sozusagen" von Gott, weil es meine Erfahrung, meine Einbildung ist.
Hinter den alten Worten der Liturgie stecken genau die gleichen Einbildungen und Erfahrungen. Darum ist es wichtig, immer wieder diese Urerfahrungen hinter den Worten zu suchen. Solange wir uns bewusst sind, dass die Rituale und Worte der Liturgie Einbildungen sind, ist es gut. Doch – in der Regel – fehlt dieses Bewusstsein, leider.

Die religiöse Sprache müssen wir als Poesie lesen und hören. So können wir sogar die Texte der Gospels hören, ohne unsere Zehen in den Schuhen krümmen zu müssen. Denn es sind Bilder, es sind Ein-Bildungen. Das gilt genauso für das Unser Vater, als für den aaronitischen Segen am Schluss eines Gottesdienstes. Da liegt meine Aufgabe, da liegt die Aufgabe für Theologen, Pfarrerinnen und Pfarrer: dieses Bewusstsein zu stärken, dass die religiöse Sprache eine Bildsprache ist.

Jesus
In der christlichen Tradition nimmt Jesus einen einzigartigen Platz ein. Es macht keinen Sinn, einen historischen Jesus zu rekonstruieren, oder zu versuchen, herauszufinden, wie er war. Seine Bedeutung liegt in der transformierenden, verändernden Kraft, die von ihm ausging. Das Bedeutendste von Jesus war - denke ich - seine Ausstrahlung. Jesus war so von der Geistkraft erfüllt, dass er sich instrumentalisieren liess durch diese kreative Kraft. Er hat sich wie kein anderer auf den Appell eingelassen. In seinem Auftreten, in seinen Heilungen, in seiner Solidarität mit den Ausgeschlossenen, hörten die Menschen, spürten sie diesen Appell der transformierenden und evolvierenden Kraft. Im Leben Jesu geht es um Versöhnung und Erneuerung durch eine andere Lebenshaltung. Die Botschaft des Lebens Jesu' ist für mich der Hinweis auf das "Andere im Andern", auf das "Obendrein", das ihn übersteigt.

Diese Inspiration des Geistes ist weitergegangen, und sie wird immer wieder neu erkennbar in Menschen: Luther und Bonhoeffer, Dorothee Sölle und Mutter Theresa, Franziskus von Assisi und Nelson Mandela.

Jeder Mensch kann diese Kraft in sich und im Anderen zum Leuchten bringen.