Bettag 2014: «Zur Freiheit befreit. »

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Milan in Gümligen (Foto: Christoph Knoch)
Fasziniert blicke ich dem hoch am Himmel kreisenden Milan nach. Seit einigen Jahren gehört er zum Gümliger Himmel wie die Krähen, Mauersegler, Amseln und das Eulenpaar, das sich in den alten Tannen bei der Gärtnerei niedergelassen hat.

So frei wie ein Vogel möchte ich sein. Am Himmel kreisen können, den Blick von oben auf den oft von Kleinkram bestimmten Alltag richten. Das wäre doch schön. Unweit des Zürcher Flughafens lässt sich dieser Traum in einem Vogelflugsimulator erleben - mit 3D-Brille und entsprechender Technik. Faszinierend. Doch im Simulator sehe ich nur, was mich die Programmierer sehen lassen. Freiheit, doch sehr eingeschränkt.

Seit 1832 wird jeweils am dritten Sonntag im September der «Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag» (= Bettag, Jeûne fédéral, Digiuno federale, Rogaziun federala) von allen Kirchen oft ökumenisch manchenorts auch interreligiös gefeiert.

Buss- und Bettag hat mit Freiheit wenig gemein. Vielen ist die Feiertagsverordnung etlicher Kantone ein Dorn im Auge, denn grosse Unterhaltungsangebote sind verboten.
In Gedanken fliegen wie ein Vogel, das aber ist überall erlaubt. So gesehen kann dieser Tag dazu anregen, in Gedanken einmal all das aus der Vogelperspektive zu betrachten, was mich begrenzt, beschäftigt, bedrückt.

Zur Freiheit befreit. Zur Freiheit, selber zu denken, selber die Perspektive zu wechseln. Das wünsche ich mir von den Bettagsmandaten, die in den einen Kantonen von den Kirchen, in anderen vor der Regierung veröffentlicht werden. Meist aber handeln sie vom Gegenteil. Mit mahnendem Zeigefinger erklären sie, was ich dürfen können soll. Ich will mich zur Freiheit befreit sein. Nicht im Simulator, sondern in Gedanken und im gemeinsamen Diskurs: Was heisst Freiheit für mich, für uns? Freiheit heisst Verantwortung zunächst im Blick auf mich und mein Handeln und letztlich im Blick auf die Welt und die Gesellschaft.
Mehr dazu am kommenden Sonntag in der Kirche Muri. Mit dabei ist die Trachtengruppe.

Ihr Christoph Knoch

Inspiriert hat mich ein Artikel in der NZZ von John Burnside (NZZ, 16.9.2014): «In «The Leaderless Revolution», einem der überzeugendsten politischen Bücher, die uns die jüngere Vergangenheit beschert hat, konstatiert Carne Ross: «Wenn Menschen keine Verantwortung haben, kann man nicht von ihnen erwarten, dass sie verantwortungsvoll handeln.» Aber Ross weiss auch, dass Verantwortung nicht gegeben werden kann; sie muss übernommen werden.»
John Burnside, 1955 in Dunfermline geboren, lehrt neben seiner literarischen Tätigkeit kreatives Schreiben an der University of St. Andrews in Schottland. Als jüngstes Buch in deutscher Übersetzung erschien kürzlich sein Roman «Haus der Stummen». – Aus dem Englischen von as. Das Zitat aus dem Gedicht von Gary Snyder entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers Ronald Steckel dem Band «Schildkröteninsel» (Stadtlichter Presse, Berlin 2006).