Unterwegs mit ‚Straatcoaches‘, die präsentische Herangehensweise im säkularen Arbeitsfeld.

Hangjugendliche <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Ella&nbsp;de&nbsp;Groot)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>185</div><div class='bid' style='display:none;'>1391</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>
Hangjugendliche (Foto: Ella de Groot)
Auch ausserhalb der Seelsorge wird die präsentische Herangehensweise angewendet. So werden in Rotterdam im Umgang mit Unruhe stiftenden, herumhangenden Jugendgruppen sogenannte Straatcoaches eingesetzt um einerseits das Benehmen der Jugendlichen positiv zu beeinflussen, andrerseits durch das Stärken ihrer sozialen Kompetenzen ihr Selbstvertrauen zu festigen.
Es ist jedoch sehr wichtig, dass Straatcoaches eigene, direkte oder indirekte Erfahrungen mit der Strassenkultur haben. Einige sind selber ‚Hangjugendliche‘ gewesen. Die meisten kommen aus denselben Herkunftsländern wie die Jugendlichen, aus Marokko, Türkei, Kap Verden, Antillen, oder Suriname.
Während ein paar Abenden habe ich Rikkie, eine etwa fünfunddreissig jährige Marokkanerin, und ihre Straatcoachkollegen begleitet. Sie haben mich gewarnt, es könne roh und ungemütlich werden. Aus Sicherheitsgründen gehen wir als Vierergruppe auf die Strasse. Mit Kleinbussen fahren wir zu den sogenannten Hot Spots und gehen je zwei auf jeder Seite und in Sichtdistanz der Strasse entlang.
Die Häuser stehen dicht am Trottoir. Plötzlich wird ein Fenster aufgerissen. Eine Frau lehnt sich zum Fenster hinaus, offenbar hat sie uns kommen sehen. Aufgeregt spricht sie uns an und erklärt, sie habe Probleme mit den Nachbarn, diese seien zu laut, dazu kämen die Probleme mit ihrem Sohn wegen seiner Partnerin, und überhaupt sei es alles so schwierig. Ich kann einen Blick in das fast leere Wohnzimmer werfen, das ausgestattet ist mit einem Fernseher, einem Sofa, einem Bild an der Wand, einer grell leuchtenden Deckenlampe und einem kaputt getretenen Linoleum auf dem Boden. Rikkie lässt die Frau erzählen, nennt sie zwischendurch auf respektvoller Art ‚Schatz‘ und dann, zehn Minuten später, schliesst die Frau zufrieden das Fenster.
In einem Spielgarten spielen zwei etwa zehnjährige Mädchen mit einem Ball. Sie haben den kleinen Bruder in Obhut. „Sie sind viel zu jung, um jetzt noch auf der Strasse zu spielen“, murrt Rikkie. Erst als der Ball auf die Strasse rollt und eines der Mädchen ihren kleinen Bruder schickt, ihn zu holen, spricht Rikkie sie an und weist hin auf die Gefahren. Immer wieder wird Rikkie durch Bewohner angesprochen, die ihr von ihren Problemen und ihrem Ärger erzählen wollen. Wir kommen nur langsam voran.
Aus einem Kebabladen rennt uns der Besitzer entgegen. Es sei in der Strasse nebenan geschossen worden, ruft er, Drogenkriminalität, natürlich! Immer wieder fragten ihn Leute, ob er Alufolie habe, doch er verweigere dies entschieden. Er führe diesen Laden nun bereits dreizehn Jahre, doch noch nie sei es so schlimm gewesen, erzählt er uns sichtbar aufgewühlt und verunsichert. Rikkie nimmt sich Zeit, lobt sein beharrliches Verweigern, Alufolie herauszugeben, und schafft es, den Mann mit einem Lachen in seinen Laden zurückzuschicken.
Wir gehen an einer Gruppe von sogenannten ‚Hangjugendlichen‘ vorbei. Rikkie grüsst, nur ein paar wenige erwidern ihren Gruss. Sie kennt sie praktisch alle, die meisten sind bei der Polizei verzeichnet. Einer löst sich aus der Gruppe und kommt auf uns zu. Es ist Chalid, ein fünfzehn jähriger Marokkaner, welcher Rikkie zur Seite nimmt und ihr erzählt, dass er von der Polizei gebüsst worden sei und dass sein Vater ihn totschlagen werde, wenn der Bussenzettel zu Hause eintreffe. „Was soll ich tun“, fragt er.
Dies sei eines der grössten Probleme, erzählt Rikkie, die Generationenkonflikte und ihre Folgen. Die Eltern, vor allem die Väter, wissen nicht, was ihre Söhne draussen machen. Die Väter sitzen im Kaffeehaus oder in der Moschee und bleiben unter sich. Die Mütter sind zu Hause. Die Jugendlichen erfahren von den Eltern keine Zuwendung, kein Interesse. Viele ältere Jugendliche, die bereits ein Studium abgeschlossen haben und keinen Job finden, wohnen noch zu Hause. Sie hangen bis spät abends auf der Strasse herum, fühlen sich nutzlos undverlieren so ihr Selbstwertgefühl und ihre Eigenwürde. Zusätzlich sind sie unsicher über ihre kulturelle Identität und ihren Platz in der niederländischen Gesellschaft. Dadurch geraten sie nicht nur leicht in kriminelle Kreise, sondern sind auch empfänglich für die Botschaft radikaler Muslimorganisationen, die ihre Leute auf die Strasse schicken, um gerade solche jungen Männer anzusprechen und für den heiligen Krieg, den Jihad in Syrien oder Somalia, anzulocken. Von drei Jugendlichen aus diesem Quartier ist bekannt, dass sie dem Lockruf gefolgt und nicht mehr zurückgekehrt sind.
Wichtigste Aufgabe der Straatcoaches ist es deshalb, den Jugendlichen ein vertrauensvoller Ansprechpartner zu sein, sie ernst zu nehmen, ihnen womöglich bei der Vermittlung von wichtigen Adressen für die Arbeitssuche zu helfen und ihnen das Gefühl zu geben, dass auch sie in dieser Gesellschaft etwas zählen.

Nach diesen Erfahrungen mit den Straatcoaches hat mich die Frage beschäftigt, was der Unterschied sei zwischen der Arbeit der kirchlichen Seelsorge und derjenigen der von der Stadt eingesetzten Straatcoaches. Es ist klar, dass es unterschiedliche Auftraggeber sind und dass es das Ziel der Stadt ist, die Sicherheit in den Quartieren zu verbessern. Die kirchliche präsentische Herangehensweise darf hingegen niemals zur Disziplinierungsmethode werden. Es ist nicht der Gegensatz säkular – religiös, welcher hilft der Eigenheit dieser Arbeitsform auf die Spur zu kommen. Denn, ich habe festgestellt, dass diese Frage hier nicht am Platz ist; denn es geht nicht um Verkündigung, sondern um den Dienst an dem Andern. Die Begegnung in sich ist Verkündigung. Es geht immer darum, für Menschen Raum zu schaffen, damit sie mehr Mensch und Subjekt ihres eigenen Lebens werden können.