Eine muslimische Männergruppe

Essalam-Moschee <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Ella&nbsp;de&nbsp;Groot)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>185</div><div class='bid' style='display:none;'>1364</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>
Essalam-Moschee (Foto: Ella de Groot)
Die marokkanische Essalam-Moschee ist das grösste islamische Gotteshaus in Westeuropa. Ein Scheich aus Dubai hat nicht nur den Bau dieser marokkanischen Moschee finanziert, sondern auch das benötigte Grundstück, das der Stadt Rotterdam gehörte, erworben.
Es ist das einzige Stück Stadtboden, das die Stadt Rotterdam je an eine ausländische Institution verkauft und nicht nur zum befristeten Gebrauch übergeben hat. Der Scheich wollte sicherstellen, dass die Moschee nach seinen Vorstellungen ausgeführt werde. Doch eine arabische Moschee ist anders als eine marokkanische, schon bald entflammte der Konflikt zwischen dem Vorstand der marokkanischen Gemeinde und dem arabischen Scheich Muhammad Bin Raschid al Maktum. Der Bau verzögerte sich und die Stadt Rotterdam stellte ein Ultimatum für die Fertigstellung. Nach siebenjähriger Bauzeit, im Jahre 2010, wurde die Moschee eröffnet. Der Gebetsraum liegt im ersten Stock, ist 2000 Quadratmeter gross und bietet Platz für 3000 Männer. Die Frauen können die Predigt des Imams im zweiten Stock mitverfolgen. Die neue Moschee wird vor allem von älteren Menschen besucht, für junge Marokkaner hat sie nicht dieselbe Bedeutung. Auch der Bau von Minaretten erscheint für die jüngere Generation nicht notwendig.

Seit 1997 hat Rotterdam eine islamische Universität, an der in zwei Richtungen auf Bachelor- und Masterniveau abgeschlossen werden kann: in der islamischen Theologie und in der islamischen Seelsorge.
Die islamische Universität hat meinen Coach, Fokje Wierdsma, ersucht, eine Gruppe Seelsorgestudenten während ihrem Praktikum als Supervisorin zu begleiten, und ich durfte bei einem solchen Supervisionstreffen dabei sein. Daraufhin hat mich die Gruppe gebeten, während meiner Zeit hier in Rotterdam ihre wöchentlichen Sitzungen mit zu begleiten. Als Frau mit diesen Männern die Probleme ihres Praktikums und gleichzeitig auch diejenigen ihres Lebens, diskutieren zu dürfen, bedeutet mir sehr viel. Ich stelle aber auch fest, dass die Fragen und Probleme, die hier zur Sprache kommen, den unseren nicht unähnlich sind.
Chakir, ein ca. 35 jähriger Marokkaner und Praktikant in einem Spital, wurde konfrontiert mit Fragen der palliativen Sedierung. Palliativmediziner verstehen unter der terminalen Sedierung die Verabreichung von Medikamenten, die das Bewusstsein sterbender Patienten dämpfen oder auch völlig ausschalten soll, um belastende Symptome wie Schmerzen oder Angst in der letzten Lebensphase zu lindern. So soll die Zeit bis zum Eintritt des Todes annehmbarer und erträglicher gestaltet werden, sie soll eindeutig dem Leben und nicht dem Tod zugewandt sein. Diese Fragen nach dem Leiden, nach der Würde und nach dem Ursprung des Lebens, sie haben uns vereint in der Suche nach Antworten und im Umgang damit.
„Zuerst bin ich Seelsorger“, sagt Fatih, ein ca. 45 jähriger Türke, „und in zweiter Instanz Muslim. Wenn jemand mich bittet aus der Bibel zu lesen, mach ich das gerne“. Und er fügt schmunzelnd hinzu: “nur kann ich ihm keine Erklärungen dazu abgeben“.
Mir ist aufgefallen, wie stark diese Männer aus ihrer eigenen Biographie heraus erzählen und ihr Handeln davon beeinflussen lassen. Deshalb kommen auch ihre eigenen Biographien zur Sprache.
So kommen wir ein anderes Mal auf die Bedeutung des Abschiednehmens. Abdul, ein weiteres Mitglied der Gruppe, erzählt, dass er - vor seiner Flucht aus dem Kriegsgebiet aus Afghanistan- sich nicht mehr von seinem kranken Vater verabschieden konnte und nun, seit der Nachricht dessen Todes, unter Schlafstörungen leide. Mit viel Respekt und in grosser Offenheit suchen wir das Gespräch miteinander, feinfühlig werden Ratschläge erteilt, und ich werde berührt von der Geborgenheit, die dieser Mann in unserer Gruppe erfährt.
Schwieriger ist der Fall, über den Mohammed erzählt. Er hat einem schwer kranken, zum Teil gelähmten Mann den Ratschlag erteilt, sein Schicksal mit dem von anderen zu vergleichen, die es schlechter haben als er, und Gott dafür dankbar zu sein. Diese Prüfung bringe ihn näher zum Paradies. Der Patient solle nichts anders, als sein Los passiv und geduldig ertragen. Mohammed war spürbar betroffen über diesen Fall. Wir haben ihn darauf nach seiner eigenen Spiritualität gefragt. Welche Bilder, welche Geschichten aus seiner Tradition ihm beim Nachdenken über diesen Patienten in den Sinn kämen. Daraufhin erzählt er uns, dass im Koran auch Propheten geprüft würden, dass dies jedoch nicht eine Strafe Gottes sei, sondern eine Läuterung, die sie näher zu Gott brächten. Das Bild der Läuterung hilft nun Mohammed, den Patienten ohne Mitleid anzuschauen. Sichtbar erleichtert beschreibt er uns, wie seine Haltung dem Patienten gegenüber sich nun ändern werde. Er fühle sich nicht mehr durch Mitleid gelähmt, sondern der Begriff ‚Läuterung‘ bringe ihn dazu, den Patienten zu motivieren, aktiv zu werden, Physiotherapie zu machen und so den Mut nicht fahren zu lassen.
Dank der Bereitschaft sich auf den andern einzulassen, was für die präsentische Herangehensweise wesentlich ist, kann Mohammed in seinem Lernprozess unterstützt und gleichzeitig in seiner Tradition ernst genommen werden.