Adventskalender für den 21. Dezember

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Was kann ich diesem Menschen noch bedeuten?

In Utrecht traf ich mich mit Jolande, wir hatten seinerzeit zusammen studiert. Nach einigen Jahren Pfarramt arbeitet sie heute mit Menschen in sogenannten Problemvierteln. Sie ist ein ‚Werker‘, wie diese Seelsorgerinnen hier genannt werden. Und sie hat mir die folgende Geschichte erzählt, eine Geschichte, die als Beispiel dienen kann zur Illustration der ‚präsentischen Herangehensweise‘.
Mit viel Mühe habe sie, Jolande, Kontakt herstellen können mit A., einem 35-jährigen, alleinstehenden Mann. Seine Mutter habe sich grosse Sorgen gemacht um ihn, nachdem ihm seine Arbeitsstelle gekündigt worden sei, und er kein Einkommen mehr gehabt habe und vereinsamt sei. Er beschimpfe jede und jeden, die an seine Türe pochen, mache nicht auf und isoliere sich zusehends. Die Schulden häuften sich, es drohe eine Sperrung der Energieversorgung.
Jolande sei zu A. gefahren und habe versucht, A. zu treffen. Dieser habe jedoch seine Tür nicht geöffnet. Sie habe daraufhin einen Zettel mit einer Terminangabe zu ihrem nächsten Besuch in seinen Briefkasten gelegt und sei zwei Wochen später wieder hingefahren. Aber auch da habe er die Tür nicht geöffnet. Sie habe ihre Strategie fortgesetzt und sei jede 2. Woche hingefahren. Immerhin, nach drei Monaten habe er die Tür geöffnet. Das Gespräch habe sofort den Kern der Sache getroffen: A. wolle nur noch eins, den Tod. Sein Leben sei eine Kette von Enttäuschungen und Misserfolgen. Schon als Kind habe er gespürt, dass er anders sei als die anderen. Er fühlte sich von niemandem verstanden. Sein Vater sei gestorben, als er 16 Jahre alt gewesen sei. Es sei ein zynischer Mann gewesen, welcher Arbeitslose und IV-bezüger immer als Schmarotzer beschimpft habe. A. hingegen wolle kein Schmarotzer werden.
Die einzige Person, die ihm etwas bedeute, sei seine Mutter. Doch ihre Fürsorge und ihre gut gemeinten Ratschläge machten ihn nur wütend. Er stehe jedem misstrauend gegenüber, auch Jolande, „du bist nur hier weil es dein Job ist. Du liegst keine Sekunde wach wegen mir“, habe er zu ihr gesagt. "Ja, das stimme," habe sie geantwortet, "sie liege nicht wach wegen ihm. Aber wenn sie ihn so sehe, fühle sie sich betroffen und mache sich Sorgen." Er habe ihr jedoch nicht geglaubt. „Das sagst du nur, weil du das sagen musst, weil es deine Arbeit ist“, habe er zu ihr gesagt. Sie habe versucht zu erklären, dass sie keinen Einfluss darauf habe, ob er ihr glaube oder nicht. Sie könne ihm nur sagen, dass sie berührt werde durch seine Geschichte, der einzige Grund ihrer Besuche sei, dass sie sich Sorgen mache um ihn. A. habe nur mit seinen Schultern gezuckt, ohne zu antworten.
Daraufhin habe A. die Tür immer geöffnet, wenn sie sich verabredet gehabt hätten. Dabei hätten sie jeweils über Sinn und Unsinn des Lebens gesprochen, über seinen Todeswunsch, über seine Eltern.
Obwohl A. sich heftig gegen das ‚Schmarotzen‘ gewehrt habe, habe er, unter der drohenden Energiesperrung, sich dann doch einverstanden gezeigt, Arbeitslosengeld zu beantragen. Der Termin mit dem sozialen Dienst sei näher gerückt, und A’s Ohnmacht habe zugenommen. A. habe ihr gemailt, dass er den Freitod wählen wolle. Da sei sie sofort zu ihm gefahren. Er habe sie hereingelassen und sie hätten seinen Todeswunsch und alle möglichen ‚Notausgänge‘ besprochen. Jede Option habe er immer wieder verworfen, weil er davor zurückgeschreckt sei. Er habe sich deswegen verachtet, er sei im Leben gefangen gewesen.
Inzwischen habe sie A. über ein Jahr immer wieder besucht. Die praktischen Sachen hätten sie untereinander regeln können. Manchmal habe sie geholfen, Briefe zu beantworten. Sie besuche ihn alle 6 Wochen. Die Gespräche hätten jedoch nicht weitergeführt, sein Todeswunsch sei geblieben. Wenn sie ihn gefragt habe, ob sie ihn wieder besuchen solle, sei seine Antwort „musst du wissen…“ gewesen, oder „ich weiss es nicht“.
Für Jolande sei es ein grosser Schritt von A. gewesen, dass er sie in seinem Leben zugelassen habe. Das habe sowohl ihm wie auch ihr viel Mühe gekostet. Sie habe Erbarmen mit ihm gehabt und sich machtlos gefühlt. A. scheine nicht in der Lage zu sein, sich mit anderen Menschen zu verbinden und leide darunter. Sie habe Angst gehabt, sein Vertrauen geschädigt zu haben, als sie ihm vorgeschlagen habe, die Besuche zu beenden. Gleichzeitig habe sie sich gefragt: wie lange sie noch könne, wie lange sie dürfe, ihn weiterhin besuchen? Was es für einen Sinn mache, wenn kein Fortschritt festzustellen sei?

Präsentische Reflektion: ‚Es passiert aber sehr viel‘
Hier ist ein Mann, der unter dem Leben leidet: er hat niemanden, nur seine Mutter, und jetzt noch diese Frau, die nur kommt, weil es ihre Arbeit ist, wie er sagt. Jolande fragt sich: „was ist der Sinn meiner Hilfe, wenn kein Fortschritt mehr sichtbar wird?“
Die Frage zurück an Jolande ist: muss Hilfe ein Ergebnis haben? Stellen wir die Frage nach einem Ergebnis auch, wenn wir mit todkranken Menschen oder Alzheimer-patienten arbeiten? Sistieren wir die Hilfe, wenn keine Aussicht auf Heilung ist?
Natürlich ist es nicht gut, wenn dieser Mann immer auf professionelle Hilfe angewiesen ist, doch das scheint nicht möglich. Ihn zur Selbständigkeit zu pushen, würde bedeuten, dass sein Leid noch vermehrt würde.
Hoffnungsvolle Ansätze hat es: A. hat Jolande immer wieder die Tür geöffnet, er hat Vertrauen in sie gefasst, er hat mit ihrer Hilfe verhindert, vom Strom abgehängt zu werden. Es ist also sehr viel passiert. Dieser Mann würde das selber nie so sagen, aber es spielt für ihn eine grosse Rolle, dass es - neben seiner Mutter - zumindest eine Person gibt, die ihn sieht, die ihn nicht aufgibt, für die er etwas zählt. Dieses ‚zur Stelle sein‘, das ist ‚präsent sein‘, das ist Hilfeleistung: sich um den andern zu kümmern, auch wenn es sehr schwierig ist.

Diese Geschichte sendet uns Ella de Groot aus Rotterdam.