Ein Funken Hoffnung

Rolltreppe zum Velotunnel <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Ella&nbsp;de&nbsp;Groot)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>185</div><div class='bid' style='display:none;'>1237</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>
Rolltreppe zum Velotunnel (Foto: Ella de Groot)
Unsere Wohnung liegt am Nordufer der Maas und ist durch einen dreiteiligen Tunnel mit dem Süden der Stadt verbunden. Eine Röhre für die Autos, eine für die Fahrräder und eine für die Fussgänger.
Es ist ein freundlicher Herbsttag. Ich schiebe mein Velo auf die Rolltreppe
Ella de Groot
Bericht mit Bildern als pdf



Ein Funken Hoffnung
Unsere Wohnung liegt am Nordufer der Maas und ist durch einen dreiteiligen Tunnel mit dem Süden der Stadt verbunden. Eine Röhre für die Autos, eine für die Fahrräder und eine für die Fussgänger.
Es ist ein freundlicher Herbsttag. Ich schiebe mein Velo auf die Rolltreppe, die zum Tunnel hinunterführt, fahre durch den 700m langen Tunnel und lasse mich auf der anderen Seite durch eine Rolltreppe wieder hinauf ans Tageslicht führen. Dieser Weg unter dem Wasser hindurch ist jeden Tag wieder ein Erlebnis für mich. Nicht mein unsicheres Verhalten auf der Rolltreppe, auch nicht die Länge des Tunnels macht das Erlebnis aus, sondern die unterschiedlichen Welten von meinem Wohn – und meinem Arbeitsort, welche durch die Fahrt durch den Tunnel miteinander verbunden werden.
Was macht dieser Stadtteil, ‚das schlechteste Stück der Niederlande‘, wie es kürzlich in der Zeitung beschrieben wurde, mit mir?
Angst habe ich noch nie gehabt. Die Mitglieder einer von mir begleiteten muslimischen Männergruppe haben mir geraten, spätabends nicht den Weg durch den Tunnel, sondern den Umweg über die Erasmusbrücke zu wählen. Solche Ratschläge nehme ich gerne an.
Meine Streifzüge durchs Quartier werden vor allem von Gefühlen der Machtlosigkeit und Betroffenheit begleitet, und ab und zu leuchtet ein Funken ‚messianischer‘ Hoffnung auf.

Ich setze mich in einen Spielgarten. Eine Schaukel, eine Wippe, eine Rutschbahn, eine Drehscheibe bestücken diesen Platz. Es gibt mehrere solche Plätze im Quartier und sie sind selten leer. Eine türkische Mutter lacht verlegen, als ihr sechsjähriger Sohn sich spontan zu mir setzt und erzählt, dass er beim Zahnarzt gewesen sei und es nicht wehgetan habe. Er gönnt mir einen Blick in seinen weitaufgesperrten Kindermund. Ein niederländisches Ehepaar hilft ihrem dreijährigen Enkelkind, die Rutschbahn hinauf zu klettern. Drei Schwestern von den Kapverden spielen auf der Drehscheibe und haben es lustig. Es sieht auf den ersten Blick friedlich aus.
Doch diese etwa 12 Meter breite und 40 Meter lange Grünfläche, umgeben von einem Zaun, ist eingeklemmt zwischen Tramschienen und stark befahrenen Strassen. Der Grossvater spricht aus, was ich gerochen und empfunden habe: es stinkt nach Benzin und es ist laut. Er will nach Hause. Die Grossmutter seufzt, sie könne die Enkelin im kleinen Wohnzimmer nicht stundenlang beschäftigen. Entnervt läuft er davon. Mit der wiederstrebenden Enkelin an der einen und eine Einkaufstasche in der anderen Hand schleppt sie sich in seine Richtung heimwärts.

Ich gehe weiter durchs Quartier. Auf der einen Seite sehe ich schön renovierte, kleine Häuser mit leuchtend orangem oder hellblauem Anstrich. Es sieht hübsch aus, vor allem auch, weil an vielen Orten Gehplatten entfernt wurden, um sogenannten Fassadengärtchen Platz zu machen. Blumen, Kräuter und kleine Sträucher helfen der Strasse einen freundlichen Anblick zu geben. Ein paar Schritte weiter ist das Bild schon wieder ganz anders: verlotterte, zum Teil eingefallene Häuser, wo Fenster und Türen mit Holz vernagelt sind. An der Ecke rieche ich den faden Duft einer Wasserpfeife aus einem Kaffeehaus. Junge Männer hangen herum. Viele, zu alte Jugendliche bevölkern den nächsten Spielplatz. Die Kleinen fehlen hier.
Im Süden sind knapp 30% der Bewohner jünger als 23 Jahre, viele haben nur eine ungenügende Ausbildung, 20% verlassen vorzeitig die Schule. Das schlechteste Stück der Niederlande hat die jüngste Bevölkerung; mit einem Kinderzonen-Programm versucht die Gemeinde, die Kinder von der Strasse fern zu halten. So steht an einem Schulhaus gross geschrieben: „Die Kinder haben sechs Stunden mehr Unterricht. Bitte beachten Sie den Stundenplan.“

Mehrere Wochen bewege ich mich nun in den Strassen im Süden dieser Stadt. Ich erfahre dies als eine schwierige Arbeit. Anfänglich hatte ich das Gefühl, ‚nichts zu machen‘. Doch die eigene Erfahrung und der Austausch mit den ‚Werkers‘ (Quartierseelsorger) zeigen mir, wie wichtig dieses scheinbar ziellose Herumlaufen ist. Die Erfahrungen auf der Strasse bestimmen den Inhalt der Arbeit. So hat in mir ein Umdenken stattgefunden, von der ‚Pfarrerin‘ zur ‚Seelsorgerin‘.

Beim Fotografieren in den verlotterten Strassen versuche ich zurückhaltend zu sein und unbemerkt zu bleiben. Ich stehe gerade vor einem unbewohnten Haus als ich von einem Bewohner des Quartiers angesprochen und gefragt werde, ob ich im Auftrag der Gemeinde fotografiere.
Ein kleiner, runder Surinamer steht vor mir, funkelnde Augen schauen mich an.
Er gibt mir keine Gelegenheit zu antworten und beginnt sich sofort zu beklagen über die Jugendlichen im Quartier. Wie sie laut sind, wie sie herumlungern und nichts machen, wie sie Autos und Velos demolieren. Er sei auch mal jung gewesen, aber so schlimm habe er es nie angestellt. Deshalb habe er jetzt eine Webcam in seinen Fensterrahmen montiert, damit er Beweismaterial habe gegen sie. Ich lasse ihn eine Weile seinen Frust abladen bis er sich etwas beruhigt hat. Er hat offensichtlich gemeint, in mir eine Gesprächspartnerin der Gemeinde Rotterdam vor sich zu haben.
Ich frage ihn, was er mit den Webcambildern vorhabe, bekanntlich verbiete ja die Polizei solche private Beweismaterialsammlungen. Er wolle sie nur den Jugendlichen zeigen, zur Abschreckung, ist seine Antwort. Ich frage ihn, ob er von den Jugendlichen gegrüsst werde, ob sie ihn ansprechen, ob Kontaktmöglichkeit da sei. Ein flüchtiges Lächeln geht über sein Gesicht. „Ja, sie reden mich immer an und rufen: ‚ Hoe gaat `t, buurman? ‘(wie geht’s Nachbar)“. Ich frage weiter, wie er die einzelnen Jugendlichen erlebe, ob er etwas von sich in ihnen wiedererkenne. Unser Gespräch nimmt eine überraschende Wende. Er erzählt von seiner Frau, die zur Arbeit gehe, er aber sitze alleine zu Hause. Sie schimpfe mit ihm, weil er zu viel am Computer sitze und nichts mache. Plötzlich kehrt er zurück zum Thema der Jugendlichen. Jetzt sei ihm eine Idee eingefallen: er könne die Jugendlichen doch mal zu sich zu einem Kaffee einladen und dann mit ihnen zusammen die Situation der Strasse besprechen, wie sie es für alle gemütlicher machen könnten. Und dann könnten sie zusammen die Bilder anschauen und vielleicht sogar darüber lachen.
Eine halbe Stunde später verabschiede ich mich von ihm, durchgefroren aber innerlich erwärmt.

Es ist schon seit Jahrzehnten klar, dass die niederländischen Quartierbewohner keinen Anschluss an die bestehende Form des kirchlichen Lebens mehr haben. Die Seelsorger, die ‚Werkers‘, suchen nach einer Sprache, die das tägliche Leben in den alten Quartieren verbinden kann mit der Botschaft des Evangeliums. Die Reihenfolge ist darum anders. Zuerst wird genau hingehorcht, was die Menschen über sich und ihre Situation erzählen, und wie sie ihr Leben deuten. Erst dann, erst viel später wird, wenn erwünscht, gefragt, welche Bedeutung das Evangelium für ihr Leben habe. Immer geht es um den Dienst an den Menschen, um die Humanität, wobei das Leben auf der Strasse, in den Häusern, in Läden und Beizen diesen Dienst bestimmt.