Vom Pflanzen und verdorren lassen

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Kop van Zuid en Katendrecht
Jährlich verliert die niederländisch-protestantische Kirche rund fünfzigtausend Mit-glieder, teils auf natürlicher Weise, teils durch Gleichgültigkeit. Im Land des Windes hilft das Bild vom Segeln, um die heutige Situation zu beschreiben. Die Segel der Kirche stehen nicht mehr im Wind. Aber was tun, wenn Windstille herrscht?
Ella de Groot
Bericht mit Bildern als pdf

Vom Pflanzen und Verdorren lassen. Über die Identität und die Aufgaben der Kirche.
Jährlich verliert die niederländisch-protestantische Kirche rund fünfzigtausend Mitglieder, teils auf natürlicher Weise, teils durch Gleichgültigkeit. Im Land des Windes hilft das Bild vom Segeln, um die heutige Situation zu beschreiben. Die Segel der Kirche stehen nicht mehr im Wind. Aber was tun, wenn Windstille herrscht?
Ich bin in den vergangenen Wochen mit einer Art Aktionismus der Kirche konfrontiert worden, der bei mir den Anschein erweckt, dass die Kirche mit eigenem Blasen und Ächzen versucht, Wind in ihre Segel zu bekommen. Diesen Eindruck bestätigt Prof. Dr. Andries Baart mit folgender Feststellung: „Wenn eine Organisation in derartigen Umständen umtriebig wird, kann dies aber auch ganz anders interpretiert werden: als Hyperaktivität. Wissenschaftlich gesprochen weist eine derartige Umtriebigkeit auf Probleme mit der eigenen Identität hin.“
Für mich wird Identität sichtbar an den Aufgaben, die sich die Kirche stellt und an der Strategie, für welche Aufgaben sie ihre Ressourcen einsetzen will. An den folgenden Beispielen lassen sich die hier gewählten Prioritäten und Strategien erkennen.

Mijnkerk.nl
Kürzlich hat die Protestantische Kirche in den Niederlanden ihre virtuellen Türen geöffnet und versucht mit der Internetkirche www.mijnkerk.nl, Wind in ihre Segel zu bekommen. Während drei Jahren sollen total 300‘000 Euro dafür aufgewendet werden.
Wenn die alten Formen des Kirche-Seins nicht mehr gefragt sind, ist es dann nicht legitim, neue Wege zu suchen?
Es ist Freitag, 11.55 Uhr, ich öffne meinen Laptop und trete – virtuell - in die Kirche ein. Mit mir sind schon 30 andere Personen online, diese Zahl ist auf der Website sichtbar. Auch sichtbar ist, dass 40 Glücksmomente geteilt, 102 Bitten mit gebetet, 4 Erfahrungsberichte gelesen werden können, und dass ich die 625ste Kerze anzünden könnte. Und eben zündet ‚Hans‘ eine virtuelle Kerze an für die ihm unbekannte ‚Petra‘, deren Mutter gestorben ist.
Ich klicke weiter auf den Eröffnungsgottesdienst. Eine Frauengruppe singt:
„Hier ben ik veilig, hier ben ik sterk, hier is mijn kerk.“ (Hier bin ich in Sicherheit, hier bin ich stark, hier ist meine Kirche).
Ich werde begrüsst und eingeladen, eine Kerze bereit zu legen, um später ‚gemeinsam‘ alle Kerzen anzuzünden.
„Als protestantische Kirche wollen wir dort sein, wo die Menschen sind. Heute sind die Menschen nicht mehr in der Kirche, sondern im Internet“, mit diesen Begrüssungsworten wird der Internetpfarrer in seinem neuen Amt eingesetzt und dabei wird ihm eine Stola mit dem Facebook- und dem Twitterlogo um den Hals gehängt. Der Internetpfarrer setzt den Gottesdienst fort und schliesst mit einem Gebet, worin er Gott für das Internet dankt und darum bittet, dass die ‚Social Media‘ ihren Benutzern helfen werde, sozial zu sein.

Niedergeschlagen und voller Zweifel – und mit Mausklick - verlasse ich ‘meine’ virtuelle Kirche. Zwei Wochen später versuche ich es nochmals. Montag,16.10 Uhr. Mit mir sind 9 Menschen online, die Glücksmomente haben sich um 9 vermehrt. 20 Bitten sind dazu gekommen. Erlebnissberichte sind immer noch 4, es brennen 90 virtuelle Kerzen mehr als vor zwei Wochen.
Wenn die alten Formen von Kirche-Sein nicht mehr gefragt sind, ist es dann nicht legitim, nach neuen Wegen zu suchen?
Zielgruppe der Internetkirche ist der moderne Mensch. Doch dieser hat oft kein Interesse mehr an kirchlichen Themen. Wenn es der ‚Offlinekirche‘ nicht gelingt, die Menschen anzusprechen, warum sollte es dann einer Onlinekirche besser gehen?

De ‘nieuwe’ dominee
Fast gleichzeitig, in derselben Woche, brachte eine Tageszeitung einen Bericht über ‘den neuen Pfarrer ohne Glauben’. Ein Mann mittleren Alters, der nichts mit Religion am Hut hat, hat seine gut bezahlte Stelle gekündigt, um unter dem Namen ‘der Neue Pfarrer’, Liebe und Optimismus zu verkünden. Nicht-gläubige Sinnsucher versammeln sich jeweils am Sonntag in einer der vielen leerstehenden Kirchen, um zusammen zu singen, sich zu besinnen, über Achtsamkeit und über eine bessere Welt nachzudenken. ‘Come together’, Komm zusammen-Veranstaltungen, nennt er sie.
Interessant, die bestehende Kirche sucht neue Wege in der virtuellen Welt, nicht- gläubige Sinnsucher hingegen wollen nichts lieber, als einander ‘leibhaftig’ in einer Kirche begegnen.

Kerkplanting
Südlich der Maas befindet sich der Stadtteil ‘Kop van Zuid’. Das Gebiet gehörte bis zum zweiten Weltkrieg zum Rotterdamer Hafen und verfiel zusehends, nachdem der Hafen immer weiter nach Westen gegen die Nordsee rückte. Kop van Zuid wurde zunehmend ein Gebiet des Verfalls mit grossen sozialen Problemen. Seit 1993 wird dieser Stadtteil umgestaltet, wohlhabende Mieter und Käufer ziehen dorthin und die ehemaligen ärmeren Bewohner werden durch das ehrgeizige Stadtentwicklungsprojekt in die benachbarten Quartiere vertrieben. Zur Zeit wohnen 1’200 Menschen in diesem Stadtteil, wovon 34 % ausländischer Herkunft.
Hier, in diesem Teil der Stadt, ist die Kirche kaum präsent.
Die Protestantische Kirche der Niederlande PKN will nun in Kop van Zuid eine Kirche neu pflanzen. Dazu hat sie einen Pfarrer zu 100% und einen Fundraiser zu 80% angestellt. Es ist ein Projekt, für das die PKN jährlich 100’000 Euro budgetiert hat.
Das Ziel ist, eine interkulturelle, christliche Gemeinschaft zu gründen, die vor allem ‘Young Professionals’ anziehen soll.
“Es geht bei uns nicht um Herkunft, sondern um Erfolg”, erzählt mir Hendrik Klaver, der Pfarrer, der seit anfangs März 2012 versucht, diese, neue Kirche zu pflanzen.
Im Gebiet südlich der Erasmusbrücke, wo Wohnen und Arbeiten zusammenkommen und das charakteristische Bild der Skyline prägen, soll in vier Jahren eine Kirche sein, nicht in der Form eines Gebäudes, sondern als Netzwerk. Da es kaum andere Begegnungsorte gibt als die Schule und der Supermarkt, sieht er eine Chance, für die Kirche diese Lücke zu füllen. Klaver experimentiert mit einer ‘Life-Balance’-gruppe, die nachdenkt über das Gleichgewicht zwischen Freizeit und Arbeit. Nach englischem Vorbild der ‘Messy-church’ (unordentliche, schluderige Kirche) organisiert er Zusammenkünfte, die einer Mischung zwischen einem Geburtstagsfest für Kinder und einem Gottesdienst gleichen. Es wird gebastelt, gegessen und über Jesus gesprochen. “Wir können die Gute Nachricht des Evangeliums nicht für uns behalten”, sagt Klaver. “Menschen, Familien mit Kindern,werden eingeladen, monatlich mit uns zu feiern. Unsere Zielgruppe sind die Nichtgläubigen, die hier wohnen”.
Im Gespräch habe ich Hendrik Klaver mit meiner Skepsis und der kritischen Bemerkung konfrontiert, dass er wohl mit einer verborgenen Agenda arbeite. Er wolle Gemeinschaft stiften, war seine Antwort, mit dem versteckten Ziel, solvente und bezahlende Mitglieder für seine Kirche zu gewinnen.

Oude wijken pastoraat Bloemhof
Das Kor Schippers-Institut, wo ich mein Exposuretraining absolviere, befindet sich im ‘de Put’, dem Gebäude der Quartierseelsorge ‘Bloemhof’ im Süden von Rotterdam, direkt angrenzend an Kop van Zuid.
‘Bloemhof’ ist eines der ärmsten Viertel der Niederlande. Es ist, wie es kürzlich in der Zeitung beschrieben wurde, ‘het slechtste Stuk Nederland’. Hier wohnen 13’750 Menschen, wovon 65% ausländischer Herkunft. Fokje Wierdsma, mein Coach, arbeitet hier als Quartierseelsorgerin und leitet zusammen mit einem katholischen Kollegen das Quartierzentrum ‘de Put’, 20% arbeitet sie für das K.S.Institut und 80 % als Seelsorgerin im Quartier. Die Protestantische Kirche der Niederlande bezahlt jedoch nur die Hälfte ihrer Stelle. Die andere Hälfte muss sie selber mittels Fundraising einsammeln. Mit 40’000 Euro jährlich wird diese Form von Kirche-Sein durch die offizielle Kirche unterstützt.
Die Seelsorge will auf der Grundlage des Evangeliums die Menschen unterstützen in ihrem Kampf um Erhalt ihrer Würde. Sie bringt Menschen verschiedener Herkunft zusammen und organisiert Anlässe für die Quartierbewohner.
Themen wie soziale Isolation, Wohnqualität und Armut stehen dabei im Zentrum. Für viele der hier wohnenden Menschen ist die Kommunikation mit den Ämtern der Stadt eine grosse Hürde, ihnen wird individuelle Hilfe geboten.
Die traditionelle Kirche ist aus diesem Quartier verschwunden, die monatlichen Gottesdienste werden in einem Raum in ‘de Put’ gehalten. Im Gottesdienst geht es um die Geschehnisse im Quartier, das Erleben auf der Strasse, um die Wirklichkeit, in der die Bewohner leben. Darum gilt hier die Alltagssprache, die Sprache der Bewohner selber.
Die Gottesdienste sind wichtig für das Quartier. Menschen niederländischer und ausländischer Herkunft kommen auf nicht-vorprogrammierter Weise miteinander ins Gespräch über das, was sie, was ihr Quartier angeht. Die Theologen umschreiben ihre Feiern als ‘auf eine liturgische Weise mitten in der gelebten Welt zu sein’. Eine solche Feier ist ein liturgisches Engagement mit der Welt.

Verdorrende Kirche
In den Problemvierteln ‘verdorrt’ die traditionelle Kirche, vielfach ist sie sogar ganz verschwunden. Wenn durch Stadterneuerungsprozesse die alten Quartiere erneuert, Häuser saniert und zu höheren Preisen vermietet werden, werden ärmere Menschen verdrängt, Teile der alten Bewohnerschaft verschieben sich in andere Quartiere, auch die Quartierseelsorge zieht mit diesen Gruppen weg. Daraus ergeben sich für die Quartierseelsorge grosse Probleme. Im alten Quartier ist vieles aufgebaut, Kontakte sind geknüpft worden. Und nun, beim Wegzug, fällt die ganze Seelsorge weg.

Da drängt sich bei mir die beklemmende Frage auf, ob eine Internetkirche die Lösung ist, um als Ersatz für die Seelsorge bei den Menschen zu bleiben.