Fünfzehn Frauen, fünf Nationalitäten

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Kochwettbewerb (Foto: Ella de Groot)
Rotterdam verpflichtet Menschen, die Arbeitslosengeld beziehen, zu 20 Stunden Freiwilligen-Arbeit. Pro Familie hat nur eine Person Anrecht auf Sozialhilfe. Da Frauen auf dem Arbeitsmarkt einfacher weiter zu vermitteln sind, ruft die Gemeinde oft zuerst die Frauen auf zur freiwilligen Arbeit...
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Fünfzehn Frauen, fünf Nationalitäten

Seit zwei Jahren verpflichtet die Gemeinde Rotterdam Menschen, die Arbeitslosengeld beziehen, zu 20 Stunden Freiwilligen-arbeit. Sie will die Sozialhilfe weniger attraktiv machen und es den Menschen ermöglichen, Arbeitserfahrungen zu sammeln, damit sie einfacher eine Stelle bekommen. Pro Familie hat nur eine Person Anrecht auf Sozialhilfe. Da Frauen auf dem Arbeitsmarkt einfacher weiter zu vermitteln sind, ruft die Gemeinde oft zuerst die Frauen auf zur freiwilligen Arbeit. Die Frauen bekommen dann das Geld, um ihre Familien zu unterhalten. Dass das in den Familien mit anderer kultureller Herkunft zu Spannungen führen kann, lässt sich nicht schwer erahnen.
In ‚de Put‘, dem Zentrum der Quartierseelsorge, in dem auch das Kor Schippers-institut seinen Sitz hat, wo ich meinen Studienurlaub absolviere, hat mein Coach, Fokje Wierdsma, für fünfzehn Frauen verschiedener Herkunft, die ihre 20 Stunden Freiwilligenarbeit absolvieren müssen, ein Projekt gestartet. Unter der Leitung eines Mitarbeiters der Stadtgärtnerei arbeiten die Frauen in einem Quartiergarten und versuchen mit den Produkten eine Art Catering auf zu bauen.
Doch das ist schwierig. Sprachprobleme, kulturelle Unterschiede, verschiedene Charaktere und deren Geschichten müssen überwunden werden, um gemeinsam etwas zustande zu bringen.
Ich begleite die Frauengruppe zum Garten. Unterwegs kommt noch Fatima dazu, sie teilt ihr Stück Brot mit uns. Heute sollen aus Reben Stecklinge gemacht werden.

Immer wieder reden die Frauen in ihren eigenen Sprachen miteinander: somalisch, türkisch, pakistanisch.
Ich helfe mit, höre zu, bin da.
Eine Frau aus Curacao setzt sich neben mich. Wir schweigen eine Zeitlang. Sie fragt, ob ich Kinder habe. Auf meine bejahende Antwort fängt sie an zu erzählen. Eine lange, schmerzhafte Geschichte über ihre Tochter. Sie redet und redet, ununterbrochen.
Ich spüre, ich kann nur zuhören. Ändern kann ich nichts an ihrer Situation, Ratschläge geben oder Probleme lösen schon gar nicht. Nur zuhören, nur da sein, nur hoffen, dass darin auch ein Moment des Heilens liege.

Fokje bittet um Aufmerksamkeit und erzählt, dass die Gemeinde Rotterdam einen Fingerfood-Wettbewerb ausgeschrieben habe und dass es doch eine spannende Sache wäre, dort mitzumachen. Die Frauen nicken, etwas unsicher aber mit Freude in den Augen. Und schon machen sie ihre Menuvorschläge: Hacer will ‚Köfte‘ vorbereiten, Zahida ‚Pokora‘ kochen und Jamila wird ‚Sambusa‘ machen. “Das ist Leben. Du siehst die Kraft, die Lebenskraft wachsen in diesen Frauen“, sagt Fokje später.

Eine Woche später, welch ein Glück, die Direktoren der gemeinsamen sozialen Dienste von Rotterdam interessieren sich für das Projekt und haben sich für einen Besuch angemeldet. Die Frauen können also, ein paar Tage vor dem Wettbewerb, ihre Fingerfoodrezepte testen In kurzer Zeit muss für fünfzig Menschen gekocht werden. Die Direktoren sind zufrieden, die Frauen strahlen.
Und am Wettbewerb, beurteilt durch einen bekannten niederländischen Fernsehkoch, gewinnen sie den ersten Preis!

Der Sieg am Wettbewerb trägt schon seine ersten Früchte. Der Bürgermeister von Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, bittet die Frauengruppe, für einen seiner Anlässe, das Catering zu besorgen. Wiederum muss für etwa sechzig Menschen gekocht werden.
Und obwohl das muslimische Opferfest vor der Tür steht und die Frauen auch zu Hause schon sehr gefordert sind, sind alle da.
Mit diesem Projekt, im gemeinsamen Handeln, treten die Frauen Schritt für Schritt aus ihrer sozialen Isolation heraus. Die Erfolge, die sie dabei erreichen, verleihen ihnen zusätzlich Würde und Selbstbewusstsein.