«Achtsamkeit ist der Keim der Beziehung und daraus wird ein Mensch aufstehen»

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Studienurlaub Ella de Groot (Foto: Christoph Knoch)
Der Titel dieses Beitrags steht als Leitspruch auf der Webseite der Stiftung ‚Presentie‘ (Präsenz), die durch Prof .Dr. Andries Baart gegründet wurde. Sein Ziel ist, die ‚präsentische‘ Herangehensweise in der Seelsorge zu fördern und weiter zu entwickeln. Die Methode, die dabei angewendet wird, wird «Exposure» genannt.




Arbeitsmethode: die Wirklichkeit in den Problemquartieren wahrnehmen
Im Institut Kor Schippers, wo ich meine Studien mache, bekomme ich den Auftrag die Wirklichkeit in den Problemquartieren in mich aufzunehmen: den Armut, die soziale Ungleichheit, die Kriminalität und die Gefahren auf der Strasse. Doch wie kann ich die Lebenswelt dieser Menschen kennenlernen, wenn ich mit ihnen nicht in Kontakt kommen kann, war die Frage am Schluss meines ersten Berichts. Theologisches Reden und Denken geht über Gott. Doch gerade in Stadtteilen, in denen die Kirche fast verschwunden ist und wo ihr Reden, ihre Sprache neu gedacht werden muss, stellt sich für mich die Frage, was `Gottes – Dienst` eigentlich ist.

Meine ersten Begegnungen in Rotterdam
Um mich mit dieser Frage befassen zu können, kann ich nicht anders als mein eigenes Leben und Denken, meinen Glauben und meine Theologie dem Leben hier in dieser Stadt auszusetzen. (to exposure = sich aussetzen). «Exposure» ist ein Training im intensiven Erfahren von städtischem Leben, vor allem vom Leben in den Problemvierteln, von welchen es sehr viele gibt in dieser Stadt mit über 175 Nationalitäten. Die Arbeitsweise ist eine sehr offene. Offen ist die Annäherung an Andere: nicht von vorneherein wissen, sondern sich überraschen lassen, das eigene Urteil und Handeln aufschieben, und die Bedeutung des hier gelebten Lebens auf sich einwirken lassen. Dieses Da-Sein für andere, das ist Präsenz. Und Präsenz ist Gott, sagt Prof. Dr. Andries Baart, der 'Erfinder' dieser präsentischen Herangehensweise.

Zweiter Bericht
Die Berichte, die nun folgen, werden mir als Arbeitsmaterial dienen, um mich am Schluss meines Studienurlaubs mit der Frage auseinanderzusetzen, was diese Erfahrungen bewirken werden in meiner Arbeit als Theologin und als Pfarrerin in Muri – Gümligen.

An der Tramhaltestelle
Zwischen ungewohnt stark befahrenen Strassen stehe ich auf einem kleinen Streifen Trottoir: die Tramhaltestelle in der Nähe des Erasmus Medical Center. Es ist meine erste Tramfahrt, auf der ich mehrmals umsteigen muss. Und ich weiss noch nicht, ob ich mit meiner ÖV-Chipkarte auch beim Umsteigen ein- und auschecken muss. Ich bin überraschst, wie unsicher mich solche Kleinigkeiten machen können. Und dabei bin ich doch im ‚eigenen‘ Land und beherrsche die Sprache!
Ich beschliesse, die durch ihre Kleider erkennbare Muslima neben mir anzusprechen. Sie spreche kein Niederländisch, ist ihre abwehrende Antwort. Ich lasse nicht locker und wiederhole meine Frage langsam und deutlich. Anstelle einer Auskunft erzählt sie mir, sie habe gerade ihre Tochter im Spital besucht. Neunzehn Jahre alt sei sie und wegen zu hohen Blutfettwerten im Spital. Dort müsse sie eine Diät halten.
Das Tram kommt, ich steige ein und nehme Platz. Berührend ist für mich, dass die Frau neben mir Platz nimmt und wir noch ein wenig weiterreden können. Ich hoffe, sie wiederzusehen, weiss aber schon jetzt, dass ich sie kaum wiedererkennen werde zwischen den vielen ähnlich aussehenden und fast gleich gekleideten Muslimfrauen in dieser Stadt.
Das nächste Tram ist voll besetzt. Ich bin fast die einzige nicht-farbige Person. Ich höre viele Sprachen um mich herum. Gerne möchte ich von diesen Menschen ihre Herkunft und Geschichte wissen. Und immer wieder bin ich überrascht, wenn neben mir ein Surinamer mit einem Marokkaner in meiner Muttersprache spricht.

Ich steige aus und laufe in einem der mir genannten Problemviertel herum. Es sieht eigentlich recht sauber aus, ich sehe zum Beispiel keine Sprayereien. Sofort fühle ich mich jedoch ertappt, bei dieser Feststellung.
Die meisten Fenster sind mit Tüchern und mit Vorhängen bedeckt, was einen Blick in die Stuben unmöglich macht. Das ärgert mich, es macht mich traurig und mutlos. Ich erfahre es als Bild für mein Gefühl der Unmöglichkeit, in Kontakt mit dem Menschen zu kommen. Wenn ich nicht hineinschauen kann, dann sehen sie mich ja auch nicht. Dieses Bild lässt mich nicht mehr los.
Ein Mann, sichtbar ein gebürtiger Holländer, der mit seinem Hund spaziert, spricht mich an und fragt, was ich da tue. Ich antworte, dass ich bin eine Pfarrerin aus der Schweiz bin, dass ich diesen Teil der Stadt auf mich wirken lassen und die Menschen kennenlernen möchte.
Er schnauft verächtlich: «Kennenlernen? Schau, die haben doch alle Tücher vor ihren Fenstern. Und schau, überall wo es Tücher hat, hat es die verdammten Schüsseln. Antennen, damit sie mit ihrer Heimat verbunden bleiben. Was willst du die kennenlernen? Was willst du damit? Und schau, da kommen auch schon die nächsten Probleme!»
Er zeigt auf einen Kleinbus mit bulgarischen Kennzeichen, der langsam vorbeifährt.
Er bestätigt was ich in den ersten paar Wochen mehrmals gehört habe: die Menschen hier haben Angst vor einer Migrantenschwemme aus Bulgarien und Rumänien, wenn im Januar 2014 Zuwanderer aus den beiden osteuropäischen Ländern die gleichen Rechte auf dem niederländischen Arbeitsmarkt haben werden, wie alle anderen EU-Bürger.
Die Probleme erdrücken mich. Mit beklemmenden Gefühlen nehme ich das Tram zurück nach Hause.

Delfshafen
Schon wieder ein Regentag. Fokje Wierdsma, mein Coach, hat mich nochmals nach Delfshafen, dem geschichtsträchtigen Teilgemeinde von Rotterdam, geschickt. Ich laufe den Strassen entlang, schaue in die Coffeeshops, die ausschliesslich von Männern besetzt sind, will bewusst en wenig provozieren, trete aber dann doch nicht ein. In einem kleinen Laden an der Ecke, bei einer indischen Frau, kaufe ich etwas Gemüse. Ich nehme mir Zeit und zögere beim Zahlen, doch es entsteht kein näherer Kontakt. Nur wenige Menschen sind auf der Strasse. Diejenigen,die draussen sind, hasten vorbei, von einem Ort zur anderen. Die Eingangshalle der Metro erscheint verlassen.
Was mache ich hier? Was soll eigentlich, diese Exposuremethode? Ich bin ungeduldig und auch ein wenig deprimiert. Was ich sehe, das sind die grossen Gegensätze und die Brüche in der Gesellschaft. Doch was hilft mir diese Feststellung bei meiner Arbeit in der Schweiz? Ich bin bereits zwei Wochen unterwegs und meine Unsicherheit wächst.
Es hört auf zu regnen. Auf einem Platz zwischen grossen Wohnblöcken stehen ein paar junge marokkanische Männer beieinander. Sie unterhalten sich in ihrer Sprache, schauen kurz auf und wenden sich schnell wieder von mir ab. Ich falte meinen Stadtplan aus und hoffe, dass jemand Bereitschaft zeigt, mir den Weg zu weisen. Ein etwa siebzig jähriger Mann, niederländischer Herkunft bietet seine Hilfe an. Wir kommen ins Gespräch. Endlich. Er zeigt auf einen der Blöcke und erzählt, dass er dort mit seiner Frau lebe. Oft hätten sie die Enkel zu Besuch. Er lasse sie mit den Kindern vom Quartier auf dem Spielplatz zwischen den Wohnblöcken spielen. Selber versuche er mit den Müttern der anderen Kinder, ausschliesslich Muslimas, ins Gespräch zu kommen. Kürzlich sei es ihm gelungen, sich länger mit einer der Frauen zu unterhalten und ein wenig Vertrauen auf zu bauen. Auf meine Frage, ob er schon lange in diesem Viertel wohne, erzählt er mir seine Geschichte, wie sie als Familie im Süden Rotterdams in einem anderen Problemviertel gewohnt hätten und dort glücklich gewesen seien. Das habe bis vor zwei Jahren gedauert, als ihre Tochter nach einer unbedeutenden Operation an einer Krankenhausbakterie gestorben sei. Aus diesem Grunde seien sie weggezogen, vom einen Problemviertel ins nächste, wo es ihnen aber nicht gelinge, den Kontakt zu den Menschen herzustellen.
Am Ort weiterzuleben, wo alles sie an ihre Tochter erinnerte, sei unmöglich geworden. Aber auch am neuen Ort sei das Leben schwer. Die Einsamkeit zwischen den vielen Menschen anderer Kulturen sei gross. Und auch die Einsamkeit in der eigenen Beziehung mit seiner Frau, sei durch die unterschiedliche Trauer von ihm und seiner Frau, gross geworden.
Nach etwa einer Stunde haben wir uns verabschiedet. Er hat mich teilnehmen lassen an seinem Leben. Durch mein Versuch, präsent zu sein, habe ich einen Moment sein Leben geteilt.

Ella de Groot, zurzeit Rotterdam