Stadterkundungen: Entlang den grossen Linien. Mit der Metro von Nord-Ost nach Süd West.

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Studienurlaub Ella de Groot (Foto: Christoph Knoch)
Seit ein paar Wochen habe ich nun mit dem Wahrnehmungstraining in der multi-ethnischen Stadt Rotterdam begonnen.
Die Methode dieses Trainings wird «Exposure» genannt. Wörtlich übersetzt bedeutet das ‚sich aussetzen‘. Und das ist auch genau das, was passiert.
Ich setze mich der Wirklichkeit aus, so wie sie sich hier in den Problemvierteln der Stadt manifestiert. Der Begriff «Exposure» weist hin auf die Erwartung, dass diese ‚fremde Kultur‘ eine beissende, ja ätzende Wirkung auf mich haben wird. Die Erfahrungen des ,Kor Schippersinstituts‘ mit dieser Methode haben gezeigt, dass diese heftige Reaktion positive Folgen nach sich ziehen kann.

Systematisch laufe ich durch Quartiere und Strassen, zuerst den äusseren Grenzen entlang um dann in immer kleiner werdenden Kreisen zur Mitte des Viertels zu gelangen. Mein erster Auftrag lautete, die Stadt in ihrer Grösse zu erfahren und mich bis zu den äussersten Ecken und an unterschiedlichen Orten zu bewegen.

Rotterdam hat mit seiner Agglomeration 1,2 Millionen Einwohner, wovon 60% ausländischer Herkunft sind.
Im Nord-Osten ist die Gesellschaft noch mehrheitlich autochthon (=einheimisch) (75%): grosse Wohnquartiere mit ‚grünen Witwen‘ die mit ihren Kleinkindern einkaufen, daneben frühpensionierte Paare, die teils ihre Grosskinder in Obhut haben.

Das Quartier „Ommoord“ zählt 12.500 Wohnungen mit 26.500 Einwohnern. Bei den letzten Teilgemeinderatswahlen haben 40% die fremdenfeindliche Partei ‚Lebbares Rotterdam‘ gewählt. Grünflächen umgeben die vielen Hochhäuser und vermitteln ein wenig das Gefühl von Raum. Einige türkische Männer sitzen auf einer Bank vor dem Einkaufszentrum. Ommoord ist ein in sich geschlossener Stadtteil, obwohl das Stadtzentrum von Rotterdam mit der Metro in 20 Minuten erreichbar ist.

Als ich vor einem christlich-kirchlichen Gebäude stehe, um die dort angebrachten Plakate zu lesen, werde ich vom Hausmeister angesprochen, der mich höflich aber drängend reinbittet und auch bereits jemanden organisiert, um mir einen Rundgang anzubieten. Ich kann mich dem schlecht entziehen.
Ein etwa siebzigjähriger Mann zeigt mir die Räumlichkeiten und erzählt nebenbei, dass er zu einer grossen Gruppe von freiwilligen Mitarbeitern gehört. Freiwillig bedeutet hier auch wirklich freiwillig, da gibt es weder einen Lohn noch eine andere Form der Anerkennung. Er arbeitet durchschnittlich 30 Stunden pro Woche. Dabei erfahre ich von den Bazars, die alle zwei Wochen durchgeführt werden und pro Mal etwa 2000 Euro Erlös für die Kirche und deren Unterhalt einbringen. Als nächste Anschaffung sind neue Stühle für den Kirchenraum vorgesehen, der sowohl von Katholiken wie auch von Protestanten genutzt wird. Er erzählt von monatlichen Suppenmahlzeiten am Abend und von der wöchentlichen Nahrungsbank für Bedürftige. Hier, in diesem mehrheitlich von Einheimischen bewohnten Quartier. werden 80 bis 100 Kisten Nahrungsmittel pro Mal verteilt.

«Pfarrer ad Interim»
Diese Kirchgemeinde soll im nächsten Jahr von einem «Pfarrer ad Interim» geleitet werden; denn immer mehr Kirchgemeinden ziehen bei einem Wechsel der Pfarrperson die Möglichkeit vor, für sechs Monate bis zwei Jahren eine Interims –Pfarrperson anzustellen. Die Aufgabe dieser Interim – Pfarrerin ist vielfältig. Sie muss die Gemeinde loslösen von der Pfarrperson, die gegangen ist, der Kirchgemeinde helfen, einen Neustart zu machen und gleichzeitig über ihr Profil und ihre Zielsetzungen nachzudenken. Das ist das Eine, aber auch eine konfliktreiche Zeit kann mit einer Übergangslösung besser abgeschlossen werden, so dass keine Altlasten in die Zeit mit der neuen Pfarrperson weitergetragen werden. Gerade in einer Interim-Zeit können Entscheidungen gefällt werden, die Angst auslösen. Entscheidungen, eine neue Richtung einzuschlagen, Gebäude abzustossen, das Kirchgebäude umzufunktionieren etc. Angst vor Spannungen in der Gemeinde können dazu führen, wichtige Entscheidungen vor sich herzuschieben. Es hat sich gezeigt, dass es gut ist für eine Gemeinde, in einer Übergangsphase mit einem Interims-Pfarrer zu arbeiten. Der Vorteil ist, dass diese Interims-Pfarrperson eine Aussenseiterin bleibt und freimütig ihre Meinung einbringen kann.
Interim-Pfarrpersonen absolvieren eine zweijährige Zusatzausbildung. In der PKN (= protestantische Kirche der Niederlande) arbeiten bereits zwölf Interim-Pfarrpersonen.

Delfshaven im Westen der Stadt
Ein paar Tage später ist Delfshaven, ein Quartier im Westen der Stadt, mein Ziel. Sofort fällt auf, dass hier viele junge, ausländische Menschen wohnen. 80% der Jugend ist allochthon, kommt also von woanders. Islamische Metzgereien, marokkanische Möbelgeschäfte, viele ‚Belwinkels‘ (kleine Läden wo Menschen in ihre Heimat telefonieren können) und internationale Supermärkte säumen die Hauptstrasse. Dann macht die Strasse eine Kurve und plötzlich stehe ich mitten im historischen Stadtteil. Der Hafen, ein paar alte Lastkähne, schmucke Fassaden und ein Hinweis in Schnörkelschrift, dass hinter dieser Fassade Schnaps gebrannt wurde, versetzen mich 600 Jahre zurückins Mittelalter. Ich traue meinen Augen nicht und biege gleich in die nächste Seitenstrasse ein. Sofort finde ich mich wieder in der marokkanisch-türkischen Atmosphäre.
In grosser Distanz und ohne mich eines Blickes zuwürdigen, laufen die Menschen an mir vorbei, nicht einmal ein Augenkontakt ist möglich.
Welcher Riss geht durch dieses Viertel, welcher Bruch durch die Gesellschaft. Diese Beobachtungen und der unaufhörlich strömende Regen stimmen mich traurig. Die junge Frau, die mir im Café eine Tasse Kaffee bringt, erzählt mir von unüberbrückbaren gesellschaftlichen Differenzen zwischen dem historischen Teil und dem – wie sie es nennt – Ghetto. Und ich stelle mir die Frage, wie ich die Lebenswelt dieser Menschen kennen lernen, kann, wenn ich mit ihnen nicht in Kontakt kommen kann.

Ella de Groot, zurzeit in Rotterdam