« … denn die Menschen sind alle Geschwister»: Noch eine Woche!

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Gespräch Kopftuch (Foto: Christoph Knoch)
Die Ausstellung ist noch eine Woche in der Kirche Gümligen zu sehen (bis 10. Juli, täglich 8-19 Uhr, Eingang hinter dem Kirchturm). Kommen Sie, schauen Sie, lesen Sie. Dann wandert die Ausstellung in die Paulus-Kirche in Bern.

Am Dienstag, 18. Juni, fand in der Kirche Gümligen unter Leitung von Anne-Marie Saxer-Steinlin ein Gespräch mit muslimischen Frauen aus Muri-Gümligen statt. Häufig wird polemisch und sehr emotional über das Kopftuch geredet. Selten kommen jene Frauen zu Wort, die sich dafür entschieden haben, das Kopftuch in der Öffentlichkeit zu tragen. Das Gespräch in Gümligen gab Raum und Zeit zum Zuhören und Fragen.

Es waren keine exotischen Vögel, die am letzten Dienstag in der Kirche sassen und von ihren Erfahrungen in der säkularen Schweiz berichteten und so miteinander ins Gespräch kamen. Die fünf Frauen wohnen längere oder kürzere Zeit in Muri oder Gümligen. Sie kommen aus Syrien, Saudi Arabien, Libanon und Marokko. Die einen tragen ein Kopftuch, die anderen haben sich bewusst dagegen entschieden. Alle sind ausgebildet, die meisten sind berufstätig. In Sachen Kindererziehung, Glaubenspraxis und Kopfbedeckung vertreten sie ganz persönliche und sehr unterschiedliche Meinungen.
Allen aber ist gemeinsam, dass sie grossen Respekt für die Religion bekunden. Alle verstehen sich als gläubig. Zwei von ihnen betonen, dass sie das Kopftuch als Zeichen des Glaubens nicht für nötig halten «Meine Religiosität und meinen Glauben zeige ich, indem ich mich den Mitmenschen gegenüber gemäss meiner Religion verhalte.» Dazu möchten sie auch bewusst weniger auffallen.

Kopftuchträgerinnen fallen auf
Es wurde sehr rasch deutlich, dass es viel Mut braucht, in Bern ein Kopftuch zu tragen. Zwei haben davon berichtet, wie sie als Verbrecherinnen betrachtet wurden. «Im Tram setzen sich die Leute nicht neben mich. Sie blicken mich von oben bis unten an - und dann schauen sie weg.» Sobald sie sich aber in einem bekannten Rahmen bewegen, an dem sie bekannt sind beispielweise im MüZe in Gümligen, dann werden sie plötzlich zum ganz normalen Menschen und nicht mehr als «extraterrestrische Wesen» betrachtet. Manchmal käme sie sich vor wie eine Aussätzige, meinte eine der Frauen. Offensichtlich braucht die säkulare Gesellschaft neue Feindbilder und findet sie in jenen, die ihre religiöse Überzeugung nach aussen sichtbar machen. Beschämend sei das für jene, die sich als aufgeklärt und tolerant verstehen und nicht den Mut haben, sich klar gegen diese Form der Überheblichkeit auszusprechen.

Und die Männer?
Warum sind es immer die Frauen, die sich züchtig bedecken müssen? Warum dürfen sich die Männer mit «normaler» Kleidung frei bewegen? Der Koran verlangt grundsätzlich auch von den Männern, sich «demütig» zu verhalten und den Blick zu senken, wenn sie einer Frau begegnen, doch viele hat diese Antwort im Koran überhaupt nicht befriedigt. Es bleibt bei einem klaren Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. Dass diese gebildeten, intelligenten und mutigen Kopftuchträgerinnen grossen Respekt verdienen, war unbestritten, doch bleibt die Frage nach der Unterdrückung der Frau dennoch irgendwo im Hintergrund.

Bibel und Koran
Kopftuch, islamischer Badeanzug, hohe Absätze oder enge Röcke fallen nicht nur auf, sie sind sie vor allem auch eine grosse Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Müssen wirklich wegen Gott und der (offensichtlich unvermeidbaren) Blicke der Männer Frauen auf das schöne Freiheitsgefühl beim Velofahren oder Schwimmen im Muribad verzichten?
Doch, und darauf hat Pfarrer Christoph Knoch in den «Abendklängen» zum Auftakt hingewiesen, der Koran führt die biblischen Traditionen des Verhüllens und der Unterordnung der Frau unter den Mann weiter. In den Texten steht jedoch nirgends etwas von der Ausgestaltung von Kopftuch und Kleidern, sondern betont wird, dass die Frauen die Männer nicht verführen sollen - eine Engführung des Verhältnisses der Geschlechter. Hier stellen sich Fragen an die Auslegung und Interpretation. Eine kritische Auslegung des Korans steht da noch aus.

Doch es darf nicht sein: Die Frau muss sich verstecken, damit sie die anderen Männer nicht r
erregen kann. Ist der moderne Mann so schwach und so schlecht erzogen, dass er einer Frau nicht mit Respekt begegnen kann und sich die Frau so stark schützen muss? Ist es denn so schlimm für die Gesellschaft und für Gott, dass sich Menschen gegenseitig anziehend finden?
Funktioniert eine religiös konservative und streng reglementierte Gesellschaft besser? Sind die Menschen gesünder und glücklicher? Kaum.

«Was ich denke, ist das alle verschieden sind. Das wunderbare Gefühl der freien Luft in den Ohren oder vom Körper im Wasser hat für die einen etwas heiliges, was die anderen beim dem Gebet finden, oder beim Hören von Musik erleben. Entscheidend ist, dass wir alle die Freiheit und die Freiräume haben, das, was uns ‹heilig› ist, je in der eigenen Weise leben und gestalten zu dürfen.» So die Feststellung einer Teilnehmenden.
Oder wie es eine deutsch-muslimische Journalistin sagt: «Das Einteilen von Menschen nach ökonomischen Kriterien wie Nützlichkeit und Bereicherung, guter Migrant, schlechter Migrant - diese Einteilung mache ich nicht mit. Ich möchte mich nicht von meinen Freundinnen mit einem Hauptschulabschluss absetzen. Sie sind nicht schlechter als ich, ich bin nicht besser als sie. Wir sind einfach unterschiedlich.»
«.. denn die Menschen sind alle Geschwister» ist der Titel der Ausstellung. Und Menschen sind alle verschieden. Zu dieser Vielfalt muss eine Gesellschaft Sorge tragen.

Anne-Claude Slongo / Christoph Knoch