Predigt Muri: Kain und Abel

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Muri - Blumen (Foto: Christoph Knoch)
(10.3.13) Gottesdienst am 10.3.2013, 10 Uhr in der Kirche Muri zu Genesis 4 und Matthäus 25,14ff.
Predigt von Ella de Groot zum Ausdrucken









Erich Fried:
Eli
Eli!
Mein Gott?
Sein Gott?
Wessen Gott?
Kein Gott?

Der du den Kain
aufgebracht hast gegen Abel
indem du
sein Opfer
wegwarfst und Abel erhobst
und zu Kain sprachst von der Sünde
die auf ihn wartete


Wessen Gott bist du?
Kains Gott
oder keiner?
Wurdest du immer mehr Kain
mit jedem neuen
von dir geschaffenen
oder geduldeten Mord?

Bist du
unstet
und flüchtig geworden?
Bist du gegangen
oder vergangen?
Bist du wirklich gestorben?

Eli! Eli!
lamah safthani?!"

Bist du wirklich
ein Niemand geworden?
Bist du Niemand?
Oder ist das nur deine List
Niemand zu scheinen
im Bereich der Ungeheuer von heute
vielleicht um dich so zu retten von
deiner eigenen Schöpfung Erich Fried

Genesis 4,1-16 (eigene Übersetzung)
Der Mensch hatte Gemeinschaft mit Eva seiner Frau.
Sie wurde schwanger und gebar Kain und sagte:
„Hervorgebracht habe ich einen Mann, gemeinsam mit Gott.“
Und sie gebar seinen Bruder Abel.
Abel wurde Viehhüter und Kain Bearbeiter der Erde.
Es geschah nach einiger Zeit, dass Kain von den Früchten der Erde Gott eine Opfergabe brachte, auch Abel brachte ein Opfer von den Erstgeborenen seines Kleinviehs und von ihrem Fett.
Gott schaute zu Abel und seinem Opfer und zu Kain und seinem Opfer schaute er nicht.
Kain wurde wütend und senkte sein Gesicht.
Gott sagte zu Kain: „Warum bist du Böse und warum hast du dein Gesicht gesenkt?
Ist es nicht so, dass wenn du gut tust, dein Gesicht gehoben ist? Und wenn du nicht gut tust, die Sünde vor der Tür liegt?
Nach dir geht ihr Verlangen aus, aber du kannst dem Herr werden.“
Kain sagte zu Abel seinem Bruder…
Und es geschah als sie auf dem Feld waren, dass Kain auf stand gegen seinen Bruder Abel und ihn tötete.
Gott sagte zu Kain: „Wo ist Abel dein Bruder?“
Er sagte:“ Ich weiss es nicht, bin ich meines Bruders Hüter?“
Er sagte: „was hast du getan?“
Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir vom Erdboden. Und nun, verflucht bist du von der Erde, die ihr Mund aufgetan hat, um das Blut deines Bruders aus deiner Hand aufzunehmen. Wenn du die Erde bebaust, wird sie dir nichts mehr von ihrer Kraft geben. Umherirrend und flüchtig wirst du sein auf der Erde.“
Kain sagt zu Gott: „Meine Strafe ist grösser, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du vertreibst mich heute vom Angesicht der Erde.
Ich werde vor deinem Angesicht verborgen sein und ich werde umherirren und flüchtig sein auf der Erde. Und es wird geschehen, dass jeder, der mich findet, mich töten wird.“
Gott sagte zu ihm: „Jeder der Kain tötet, wird siebenfach gerächt.“
Gott gab Kain ein Zeichen, damit ihn nicht jeder erschlüge, der ihn fände.
Und Kain ging weg vom Angesicht Gottes und wohnte im Land Nod, östlich von Eden.

Predigt
Kaum ein anderes biblisches Motiv wurde in der Literatur des 20. Jahrhunderts so oft aufgegriffen wie der Brudermord Kains an Abel. Diese Geschichte über Rivalität und Gewalt, über unverdientes Glück und schicksalhaftes Scheitern ist jedermanns Geschichte, ist unsere Geschichte, liebe Gemeinde.
Die Geschichte gibt immer wieder Anlass nach Gründen und Abgründen des Bösen zu fragen. Letzte Woche ist das in Menznau wieder aktuell geworden.
Jede Sekunde die Geburt eines kleinen Kain, jede Sekunde die Geburt eines kleinen Abel, die Spannung zwischen todgut und todbös nimmt zu.
Diese Geschichte provoziert bohrende, anklagende Fragen nach einem Gott, der den einen begünstigt, den anderen zurückweist, ohne Antwort auf die Frage warum dies so ist.
Unter dem Eindruck der Katastrophe des nationalsozialistischen Judenmords schrieb Erich Fried sein Gedicht „Eli, mein Gott: der verzweifelte Gebetsschrei des Gekreuzigten.“
Fried beschuldigt Gott: „Der du den Kain aufgebracht hast gegen Abel‘‘.

Ist das so?
Ist Gott schuld, dass Kain neidisch auf seinen Bruder wird und Abel totschlägt? Liegt die Verantwortung für die endlose Blutspur durch die Geschichte bei Gott?
Ist das Unrecht von Gott begangen worden?

In meinem letzten Abendklang im Februar habe ich vom Niederländischen Autor Guus Kuijer eine Nacherzählung der Kain- und Abelgeschichte gelesen. Kuijer schreibt für Zweifelnde, Suchende und Ungläubige. Er lässt Adam die Geschichte seiner Söhne erzählen und legt ihm unsere bohrenden Fragen, in den Mund, unsere Zweifel in sein Herz.
Ich zitiere Kuijer:“ Eva hat mich, Adam, mehrmals gewarnt und gesagt: ein Gott, der Menschen gegen einander aufhetzt, ist ein bösartiger Gott. Und ich wusste: wenn zwei Brüder sich nicht ausstehen können, dann ist das das Böse. Aber, woher kommt das Böse, wenn es nicht von Gott kommt? Ist da ein zweiter Gott am Werk? Ich war total durcheinander“.

Dieser Gedanke ist tatsächlich nur für die
Gläubigen ein Problem. Und es ist ein Problem!
Denn, wenn Gott das Böse beseitigen will und es nicht kann, dann ist er ohnmächtig, also kein Gott.
Wenn er es kann, aber er will es nicht, dann ist er böse und das sollte ihm fremd sein.
Wenn er das Böse beseitigen will und es auch kann, warum schafft er es nicht ab?

Guus Kujier erkennt diese Problematik und lässt deshalb Kain nach seiner Bluttat zu seinem toten Bruder schreien: „Wo ist dein Gott jetzt, sag, wo bleibt dein Gott?“ und zu Gott schreit Kain: ‘Warum hast du deinen Sohn nicht beschützt?“
Warum hat Gott Kain zurückgewiesen und ihn so gereizt zu dieser Tat?
Kuijer macht aus Abel einen pharisäischen Frommen, der seinen Bruder provoziert. Abel weiss was Gott will und er fühlt sich von Gott angenommen und geliebt. “Gott spricht mit mir“, lässt er Abel schikanieren, „aber mit dir will er nichts zu tun haben“.

Liebe Gemeinde, wenn eine Lehrerin Lieblingskinder hat, bekommt sie Probleme mit ihrer Autorität. Gott wäre also auch besser beraten, keine Lieblingskinder zu haben, sondern sich allen Menschen gleichermassen zuzuwenden. Christen glauben, dass er das tut. Alles andere wird in die Verantwortung der Menschen gelegt. Darum hat die Tradition aus Kain einen Bösewicht gemacht.
Ich denke, dass auch noch in unseren Köpfen, geprägt durch Sonntagsschulgeschichten und die Bibel selbst, Kain der Böse ist und Abel der Gerechte. „Weil Abel reinen Herzens war, nahm Gott seine Opfergaben an. Weil Kain im Herzen böse war, achtete Gott seiner Gaben nicht“, so steht es im Hebräerbrief. Die Auslegung hat Kain beschuldigt, damit die Rechnung aufgeht und nicht Gott verantwortlich gemacht werden kann.
Doch ist es nicht vielmehr die Angst, die Kain zum Mord antreibt? Die Angst, nicht anerkannt, nicht geliebt zu werden? Die grösste Angst, die ein Kind befallen kann, ist die, nicht geliebt zu sein: die Ablehnung ist die Hölle, die es ängstigt.
Hat nicht jeder Mensch, jeder von uns in grösserem oder kleinerem Mass Ablehnung gespürt?
Ist nicht das unsere Realität?
Der eine hat mehr Erfolg. Der andere fühlt sich zurückgesetzt. Hat nun der eine besser gearbeitet, oder einfach mehr Glück gehabt?
Es gibt tausend Gründe für all die Ungleichheiten unter den Menschen. Wer aber ist dafür verantwortlich? Ist es Gott, der willkürlich Begabungen, Lebensumstände, das Schicksal verteilt, der dem einen Glück und Erfolg zukommen lässt und die anderen im Unglück oder in der Armut leben lässt?
Ist es Gott, der die Talente des Lebens verteilt?
In der Gesprächsgruppe zu den Gleichnissen haben wir uns genau mit dieser Frage mit dem Gleichnis zu den Talenten, befasst. Und ich denke, dieses Gleichnis könnte auch ein Licht auf die bohrenden Kainsfragen werfen.

Ich lese Matthäus 25, 14-27
Es ist wie mit einem, der seine Knechte rief, bevor er ausser Landes ging, und ihnen sein Vermögen anvertraute; und dem einen gab er fünf Talent, dem andern zwei, dem dritten eines, jedem nach seinen Fähigkeiten, und er ging ausser Landes. Sogleich machte sich der, der die fünf Talent erhalten hatte, auf, handelte damit und gewann fünf dazu, ebenso gewann der, der die zwei hatte, zwei dazu.
Der aber, der das eine erhalten hatte, ging hin, grub ein Loch und verbarg das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit aber kommt der Herr jener Knechte und rechnet mit ihnen ab.
Und der, der die fünf Talent erhalten hatte, trat vor und brachte fünf weitere Talent und sagte: Herr, fünf Talent hast du mir anvertraut; fünf Talent habe ich dazugewonnen. Da sagte sein Herr zu ihm: Recht so, du bist ein guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles will ich dich setzen. Geh ein in die Freude deines Herrn! Da trat auch der mit den zwei Talent vor und sagte: Herr, zwei Talent hast du mir anvertraut; zwei Talent habe ich dazugewonnen.
Da sagte sein Herr zu ihm: Recht so, du bist ein guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles will ich dich setzen. Geh ein in die Freude deines Herrn!Da kam auch der, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste von dir, dass du ein harter Mensch bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und du sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast, und weil ich mich fürchtete, ging ich hin und verbarg dein Talent in der Erde; da hast du das Deine.
Da antwortete ihm sein Herr: Du böser und fauler Knecht! Du hast gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?
Dann hättest du mein Geld den Wechslern bringen sollen, und ich hätte bei meiner Rückkehr das Meine wenigstens mit Zinsen zurückerhalten.

Liebe Gemeinde, was macht nun der dritte Knecht?
Geht er nach Hause, holt seine Waffe und bringt seine Arbeitskollegen um?
Und wer wäre dann schuld daran? Der Herr?
Ist Gott schuld, dass Kain neidisch auf seinen Bruder wird und Abel totschlägt?
Für welche menschlichen Probleme, für welche Tragik stehen Kain und diese Gestalt vom dritten Knecht?
Wenn wir dieses Gleichnis lesen, droht die Gefahr, dass wir uns beim Lesen auf die Ungerechtigkeit lenken lassen.
Hat dieser Mann nicht recht mit seinem Verhalten, da er nur ein Talent bekommen hat? Und warum ist das so? Misstraut ihm sein Chef? Es gibt doch keinen Grund so mit ihm umzugehen?
Der Mann geht auf Nummer sicher, er vergräbt sein Talent. Sein Gefühl, von Anfang an benachteiligt gewesen zu sein bestimmt sein Handeln. Das löst Angst aus und Neid. Und die Angst führt dazu, dass der Mann nie wirklich frei zu leben beginnt. Er vergräbt nicht nur sein Talent, sondern damit auch sein eigenes, freies Leben.
Mit dieser Angst, benachteiligt zu sein, tut er nicht nur sich selber unrecht, sondern auch Gott, in dem er aus Gott, aus dem Herrn, einen bösen, harten Herr macht.
Minderwertigkeitsgefühle und Angst ändern auch das Gottesbild.
Darum rebelliert er gegen einen Gott, der ihm ungerecht erscheint, er lehnt sich auf gegen einen Strafegott, den er sich selbst in seinen Gedanken gebärt.
Und natürlich wird er dann in seinem Urteil bestätigt.
Das ist das Urproblem des gläubigen Menschen, das Gefühl entweder von einem Gott angenommen zu sein, oder ungerecht behandelt zu werden. Die Bibel erzählt darüber bereits mit der Kain- und Abelgeschichte.
Welcher Weg führt da hinaus?
Jesus erzählt dieses scheinbar paradoxe Gleichnis.
Wer sich immer nur umschaut und sich misst an anderen, der wird von der Frage beherrscht, wer mehr hat, wer mehr kann und warum das so ist. Nie wird er zur Ruhe kommen. Auch Kain wird ins Land Nod ziehen, was ‚ruhelos umherirren‘ bedeutet.
Die Frage nach Gerechtigkeit gibt es nur im Vergleich unter den Menschen.
Darum gibt es so viel Egoismus, Neid und Hass und so wenig Liebe und Grosszügigkeit.
Das schlimmste Unrecht fügt man sich selber zu, indem man sich mit anderen vergleicht und dann Gott gegenüber Vorwürfe macht.
Liebe Gemeinde, ich denke, dass Jesus uns mit diesem Gleichnis klar machen will: wir können keinen Gott, keine Macht verantwortlich machen für das Unrecht und die Ungerechtigkeit, die in unserer Welt herrschen. Die Ungerechtigkeit gibt es. Sie ist eine Realität, die wir anerkennen, bekämpfen und wenn möglich überwinden müssen. Jesus weist mit diesem Gleichnis die Vorstellung zurück, dass wir uns das Recht auf Gerechtigkeit bei einem Gott einfordern könnten.

„Und Gott schweigt – wie das Grab von Abel- bis auf den heutigen Tag“.
Mit diesen anscheinend bedrückenden Worten beschliesst Guus Kuijer seine Kain- und Abelgeschichte. Aber, stellen Sie sich vor, Gott würde plötzlich nicht mehr schweigen? Wessen Gott wäre er?
Mein Gott? Der, den ich in meinen Gedanken geboren habe?
Dein Gott, den du dir vorstellst?

Oder bist du, Gott, Niemand? Wie es Erich Fried dichtet.
Eli! Eli!
lamah safthani?!"
Bist du wirklich
ein Niemand geworden?
Bist du Niemand?
um dich so zu retten von
deiner eigenen Schöpfung?
Liebe Gemeinde, das kann Befreiung sein. Alles wird einfacher, leichter und offener. Ich kann die Ängste und Schrecken meiner Kindheit ablegen und eintreten in die reale Welt, ohne Vorsehung, ohne Auserwählung und Verwerfung.
Welche Freiheit! Welche Verantwortung auch. Die Verantwortung, das Unrecht zu erkennen als das, was es ist, als eine grausame und unannehmbare Tatsache, die man bekämpfen und wenn möglich überwinden muss.
Das ist dann nicht mehr Glauben, sondern Handeln. Amen
Zwischenspiel
Wir leiden an den Ungerechtigkeiten dieser Welt.
Wir müssen sie aushalten
Wir wollen als Kirche die Toleranz und die Achtung lernen gegenüber unvertrauten Formen des Glaubens, und der Vielfalt der religiösen Erfahrungen…
Und wir betrachten die Blumen auf dem Taufstein.
Die Heliconia und die spitzige Strelizia stehen für die Überheblichkeit,
die zur Feindschaft führt.
Neid und Eifersucht werden verkörpert durch die gelben Tulpen.
Das schwarze Weidenkätzli und die dunklen Nelken zeigen auf das Böse hin,
das uns Menschen trennt.
Das zerbrechliche Rosa der Pflaumenzweige unterstreicht den Zweifel,
das Vergissmeinnicht, die Einsamkeit,
und die hängenden Jasminzweige die Trauer und den Verlust.
Dazwischen aber finden wir die sich entfaltenden Mohnblüten als Hoffnungsträger und das verbindende Grün als Gleichnis für unsere Verantwortung.
Die Leucospermum, die drei Sünneli, als Sinnbild für den Neubeginn,
kündigen die Hoffnung an auf eine gerechtere Welt.

Abschluss – Ausgangsspiel
Ella Blumen Muri
10.03.2013
3 Bilder
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