Adventskalender für den 6. Dezember

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Weihnachten an der Via Dolorosa
Die Hochsaison in Jerusalem ebbt ab. Es seien leere Wochen, meint der Kaffeeshopbetreiber vis-a-vis meiner Wohnung in der Mitte der Altstadt Jerusalems. Auf dem Weg zum kleinen Supermarkt im christlichen Viertel bleibe ich stecken. Polnische Männer und Frauen singen und beten den Kreuzweg entlang den Stationen der Via Dolorosa. Sie lassen sich vom kühlen Wetter nicht vergrämen und tragen mit grossem Ernst ein grosses Holzkreuz durch die Gassen. Vorbei am Internet-Café, in dem junge Palästinenser ähnlich ernsthaft durch die Computerspiele in einer anderen Welt sich bewegen wie die singende und betende Pilgergruppe vor der offenen Tür. Weihnachten? Wenig ist zu spüren in dieser Stadt voller Religionen und religiösem Business. Wenige Schritte weg von der 8. Station und schräg gegenüber des Internet-Cafés blinken mir Weihnachtsmänner und Rentiere entgegen. Wer durch die Glastür tritt, wird empfangen von Jingle Bells und ähnlichen Melodien, die tanzende Nikoläuse und glitzernde Schneemänner von sich geben. Weihnachten an der Via Dolorosa also. Wer sich hier mit Weihnachtsschmuck versorgt, weiss ich nicht. Vielleicht ist es ein Stück Sehnsucht nach einer heilen Welt ohne Bomben, Raketen und Checkpoints? Eine Sehnsucht nach dem Schnee, der alles so viel leiser macht? Ich werde wieder vorbei gehen. Mal sehen, ob den Pilgerinnen und Pilgern auf der Via Dolorosa dann auffällt, dass sie da an Weihnachten vorbeikommen.
Christoph Knoch zur Zeit in Jerusalem