Kirche Muri: Hans Rudolf Scheidegger, Zwei Kirchtürme – eine Kirchgemeinde

Aus: Muri bei Bern. Eine Gemeinde – zwei Dörfer. Gemeinde Muri bei Bern (Hrsg.) 1993
Seite 156-158: Die Kirche von Muri
m Jahr 1180 (elf Jahre vor der Gründung Berns!) taucht in der Schenkungsurkunde des Johanniterhauses von Münchenbuchsee erstmals der Name eines Muri-Priesters (sacerdos) auf, «purchardus de mure», Burkhard von Muri. Ebenso wird in Urkunden von 1239 ein «plebanus de mure», ein Leutpriester Ulrich und ausdrücklich eine Kirche (ecclesie) erwähnt. Die St. Michael geweihte Kirche ist aber in ihren Ursprüngen wesentlich älter, wie Ausgrabungen anlässlich des Umbaus von 1967 /69 bewiesen haben. So entdeckte man Fundamente der halbrunden Apsis unter dem heutigen Chor und der Westwand einer romanischen Kirche aus dem 11./12.Jahrhundert, und solche der Langmauer einer noch früheren Kirche wurden angeschnitten. Es ist durchaus möglich, dass sie bis ins 10., vielleicht sogar 8./9.Jahrhundert zurückreicht. Diese vorromanische Kirche könnte also gleich alt sein wie das unter der Nachbarkirche Kleinhöchstetten freigelegte kleine Kirchlein oder sogar wie die ebenfalls Michael geweihte Kirche von Einigen. Doch bleibt es späteren Generationen vorbehalten, die Spuren dieser früheren Kirchen zu erforschen und die Verbindung mit den darunterliegenden Bauten zu erhellen.
35 Jahre nach der Reformation, 1563, während der Amtszeit von Pfarrer Lienhard zum Strahl, erfolgte der Umbau der Kirche mit Anpassung des Innern an die Formen des reformierten Gottesdienstes. Sichtbarstes Zeichen dafür ist die schöne spätgotische Steinkanzel, die alle späteren Renovationen und Umbauten überdauert hat. Vermutlich wurde damals auch die romanische Apsis abgetragen und durch den polygonalen Chorabschluss mit drei grossen Rechteckfenstern ersetzt. 1673 erhielt die Kanzel den Schalldeckel, der leider bei der Renovation von 1931 seine dekorativen Aufsätze verlor. Auf seinem Rande stehen die Worte: «Herr, thue meine Lippen auf, daß mein Mund deinen Ruhm verkündige» (Psalm 51, 17).
1664 war der heute noch im Gebrauch stehende Barock-Taufstein gesetzt worden, den wohl Abraham Dünz schuf. Aus dem gleichen Jahr stammt die älteste der geschenkten Wappenscheiben. Weitere wurden 1710, 1728 und 1731 gestiftet, eine mit einem Bild der Geburt Christi, eine andere mit einer Darstellung der klugen und der törichten Jungfrauen und dem Spruch: «Der himmlisch Bräutigam wird baldest sein vorhanden, nemt öl deß glaubens mit, sonst kommet ihr zu Schanden.» Sie fanden nach der Renovation von 1969 Platz an den Fenstern der neuen Westwand und der Sakristei.
Eine wichtige Veränderung ergab sich durch den Beschluss von 1807, eine Portlaube und darauf eine vom bekannten Freiburger Orgelbauer Aloys Mooser erstelllte Orgel zu bauen. Mehr als die Hälfte der Kosten von 1310 Kronen wurde durch freiwillige Beiträge aufgebracht. Die Regierung steuerte auf Gesuch hin 32 Kronen bei. Noch 1800 waren dem Schulmeister von Muri für das «Läsen und das Vorsingen in der Kirche» drei Kronen und 12 Batzen entrichtet worden.
1854 übernahm Graf de Pourtales alle Kosten für eine von ihm angeregte Verlängerung des Kirchenschiffes um rund 120 Plätze, ebenso bezahlte er den Umbau der Orgel und die neue Kirchenuhr. Durch den Einbau eines Eisenofens wurde die Kirche (erst jetzt!) heizbar gemacht. 1868 wurden die zwei Kirchenglocken durch ein vierstimmiges Geläute ersetzt.
Das Geld kam auf freiwilligem Wege zusammen, nachdem der Arzt Dr. Lehmann schon früher den Grundstock zu einem Glockenfonds gelegt hatte. 1900 ersetzte der Orgelbauer Zimmermann aus Basel die Orgel durch ein neues Werk, sieben Jahre später wurde beim Haupteingang gegen die Thunstrasse hin ein Vorbau mit Dach erstellt. Orgelrenovationen erfolgten 1920 durch die Luzerner Firma Goll und 1948 durch Orgelbauer Wälti aus Bern. 1934 brannte die grosse, alte Pfrundscheune nieder.
1967 begann der schon erwähnte grosse Umbau der Kirche nach Plänen von Architekt Hans Gasser und unter der Leitung von Max Böhm. Das Chordach wurde wieder in seine ursprüngliche Höhe zurückversetzt, die gewölbte, mit blauem Sternenhimmel verzierte Decke des Schiffs, die vermutlich aus dem Jahre 1807 stammte, wich einer dreiteiligen Bretterdecke. Der bisherige Haupteingang wurde durch zwei Seiteneingänge ersetzt, der Vorbau abgebrochen und das Schiff entsprechend verlängert. Die neue Orgel stammt aus der Werkstatt der Gebrüder Wälti in Gümligen. 1968 fanden vier neue, von Gemeindegliedern gestiftete Glocken im neuen Turm Platz, auch sie in Aarau gegossen. Am 16. März 1969 feierte die Gemeinde den ersten Gottesdienst in der vollständig erneuerten Kirche. 1968 war auch das Kirchgemeindehaus Muri, 1941 aus dem Waschhaus des Pfarrhauses entstanden, vergrössert worden. Es erhielt später ebenfalls eine Wälti-Orgel und einen von Frauen aus der Gemeinde nach Entwürfen von Ruth von Fischer gestalteten Wandteppich.