Ostern 2020: Annäherungsversuch an den unberechenbaren Freund des Lebens

Am 13. März schrieb der bekannte slowenische Philosoph Slavoj Žižek in der NZZ: «Das Leben wird, selbst wenn es am Ende wieder zur Normalität zurückkehrt, auf andere Weise normal sein, als wir es vor dem Ausbruch gewohnt waren.»
Mailand: Ermutigende Klänge gegen das Virus (Foto: Anne Stempel): Mein reformierter Mailänder Pfarrkollege Johannes de Fallois mit Sohn Josua auf ihrem Balkon
Ermutigende Klänge gegen das Virus: Mein reformierter Mailänder Pfarrkollege Johannes de Fallois mit Sohn Josua auf ihrem Balkon

Normalität – was ist das, was wir uns unter diesem Wort vorstellen, in diesen Tagen noch wert? Was bis vor kurzem noch normal war, ist unberechenbar geworden, trügerisch. Unser bis anhin normales Verhalten mussten wir dem Verhalten des Virus anpassen. Und wenn dann die Welle zurückgeht und sich unsere Lebensumstände wieder zu normalisieren beginnen, wird wohl trotzdem vieles anders sein wie vor der Coronakrise.

Wird nun das Unberechenbare zur neuen Normalität? Auf jeden Fall zeigt uns das schwer kalkulierbare Virus, dass wir uns neu an die Unberechenbarkeit des Lebens gewöhnen sollten. Das ist allemal klüger, als der Heimsuchung durch das Virus irgendeinen tieferen Sinn oder Grund geben zu wollen. Jeder diesbezügliche Versuch macht nur krank, wenn man dazu nicht den gebotenen Mindestabstand einhält…

Ja, wir müssen auf Distanz gehen. Und wir müssen das Leben und die Umstände so annehmen, wie sie sind. Am besten mit einer positiven Einstellung. Vielleicht ist es zu viel verlangt, uns mit der unberechenbaren Gegenwart anzufreunden. Doch ich finde, es lohnt sich, zu den aktuellen Widrigkeiten nicht nur auf Distanz zu gehen, sondern auch eine gewisse Nähe zu ihnen zuzulassen. Lassen wir uns neu ein auf eine gesunde Beziehung zum Leben – jetzt und auch nach Corona. Eine Beziehung lebt bekanntlich davon, dass Nähe und Distanz immer wieder neu ausgehandelt werden. Unverfügbares, Unbeherrschbares und manchmal Undenkbares gehört dazu.

«Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen!» So betet Jesus kurz vor seiner Gefangennahme und seinem Tod an Karfreitag. Er ist verzweifelt und erlebt sich nicht als Herr über das, was geschieht. Diese Szene zeigt: Anscheinend hat Gott sich entschieden, eine unvollkommene Welt zu schaffen. Eine Welt, in der die Festnahme seines eigenen Sohns möglich ist. Eine Welt, in der ein gefährliches Virus als Teil des Lebens akzeptiert werden muss. Nicht immer gibt es eine rettende Exit-Strategie, wenn es brenzlig wird.
Im Brief des Apostels Paulus an die römische Gemeinde seufzt der Heilige Geist. Damit gesellt er sich zu uns, zu unseren Ängsten und Befürchtungen, und hält sie mit uns aus. Der Heilige Geist erweist sich als ein unverwüstlicher Geist des Lebens, der uns bis heute Mut macht, den Widrigkeiten unseres Seins zu trotzen – mit Mitmenschlichkeit und Freude. Dieser ausdauernde Lebensgeist lässt uns auferstehen, weckt uns aus Schwermut und Trauer über die Geschehnisse dieser Tage. Die Handyfilme von musizierenden Menschen auf italienischen Balkonen legt eindrücklich Zeugnis davon ab: Dort, wo das Lied vom Tod am lautesten erklingt, singt man einander Hoffnung und Lebensfreude zu.

Dieser Lebensgeist ist für mich der Gott, an den ich glaube. Er weiss um die bisweilen tödliche Unbeherrschbarkeit des Lebens. Er hat sie am eigenen Leib erfahren. Doch dieser Gott ist ein Freund des Lebens, des ungeschönten und ambivalenten Lebens. Sein Geist weht, wo er will, sagt man – unverfügbar, unberechenbar. Gott erweist sich auf diese Weise als einer, der freudvoll und unzähmbar am Leben festhält, sogar Leben schafft und uns wieder auf(er)stehen lässt. Dann können wir mit Zuversicht einer neuen Normalität entgegengehen – auch wenn wir es zurzeit noch nicht für möglich halten.
Manuel Perucchi, Pfarrer