«Ich bin ein Berg in Gott und muss mich selber steigen ... »

Raum der Stille (Foto: Christoph Knoch)
Dieser Spruch steht an der Wand beim Eingang zum «Raum der Stille» im kirchlichen Gemeinschaftszentrum Thoracherhus. Der «Raum der Stille» ist seinerzeit auf die Initiative von Herrn Fritz Minder (Arzt und ehemaliger Kirchgemeinderat) entstanden und nach seinen Ideen gestaltet worden. Er hat vorgeschlagen, diesen Spruch an die Wand zu malen.
Weil im «Raum der Stille» ein im Boden eingelassener grosser grünlichschwarzer Stein, der einem steilen Berggipfel ähnelt, ein wesentlicher Bestandteil des Raumes ist, kann es für den Besucher naheliegen, den Spruch mit diesem Stein in Verbindung zu bringen. Was aus dieser Gedankenverbindung hervorgeht, ist bei jedem Menschen verschieden. Doch einige Besucher erinnern sich offenbar an eigene Bergtouren und dass das Ersteigen eines Gipfels eine beschwerliche, schweisstreibende und nicht immer gefahrlose Sache ist. «Sollte das die Botschaft der christlichen Gemeinde sein,» wird sich die eine oder der andere fragen, «eine beschwerliche und schweisstreibende Sache? Wenn ich aber dieser Berg bin, dieser Berg nun in Gott steht und ich die Aufgabe habe, diesen Berg, d.h. mich selbst, zu steigen, so wäre das ja so etwas sie der beschwerliche und schweisstreibende Versuch, mich selber zu erlösen!»
Es ist an der Zeit, derartigen (durchaus nachfühlbaren) Missverständnissen entgegenzutreten, zunächst mit dem Hinweis, dass der Wandspruch nur die Hälfte des folgenden Zweizeilers ist:
«Ich bin ein Berg in Gott und muss mich selber steigen
Daferne Gott mir soll sein liebes Antlitz zeigen.»

In der Sprache des 17. Jahrhunderts bedeutete daferne «sofort», und soll meint nicht «muss», sondern «wird». So lautet die zweite Zeile des Spruches in moderner Sprache: «Sofort wird mir Gott sein liebes Antlitz zeigen.»
Damit sind natürlich die inhaltlichen Schwierigkeiten dieses Satzes noch nicht behoben. Das hängt damit zusammen, dass die Schriftsteller und Dichter der Barockzeit sich gerne mit religiösen Themen befassten, die sie mit dem Verstande weder erfassen konnten noch sollten. Gerne verschachtelten sie Bilder und Vorstellungen ineinander, so dass auch scheinbar einfache Aussagen dem modernen Leser konfus und fremd erscheinen mögen, etwa so wie der Besuch einer reichverzierten Barockkirche. Immerhin sollten diese Zeilen dem Leser und der Leserin eine Annäherung an diesen Spruch ermöglichen.
Er stammt aus dem «Cherubinischen Wandersmann» von Angelus Silesius, ein Werk, das 1657 zum ersten Mal erschienen ist. Es enthält über 1500 derartige zweizeilige Sprüche (oder Epigramme). Der Dichter hat sie «den Liebhabern der geheimen Theologie und des beschaulichen Lebens zur geistlichen Ergötzlichkeit» gewidmet ...

Daniel Koenig (Ausschnitt aus der Veröffentlichung im Saemann, November 1992)