Reformiert Warschau – Reformiert Muri-Gümligen: Sich wandelnde Zeiten – bleibende Verbundenheit

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In den 80er-Jahren begannen zaghafte Kontakte zwischen der kleinen reformierten Gemeinde in Warschau und der Kirchgemeinde Muri-Gümligen. Maria Prendergast, die damalige «Kirchgemeindeschreiberin» konnte die Beziehungen in schwierigen Zeit knüpfen. Jetzt wurde sie für ihren Einsatz in Warschau geehrt.
Am Ende des 18. Jahrhunderts hatten reformierte «Schweizer» (=Käser), französische Hugenotten, schottische Presbyterianer und Nachkommen der «Böhmischen Brüder» (Hussiten) sich zu einer reformierten Gemeinde in Warschau zusammengeschlossen. Bis heute sind sie eine verschwindend kleine Minderheit: gut 400 Mitglieder in der Zwei-Millionen-Stadt Warschau. Immer haben sie Brücken gebaut und sich kreativ für die Gesellschaft engagiert. Unter dem Kriegsrecht in den 80er-Jahren fehlte es an allem. Insbesondere Medikamente waren für «gewöhnliche» Menschen fast nicht zu bekommen. Maria Prendergast kannte die Gemeinde aus ihrer Zeit als Gattin eines in Warschau stationierten britischen Botschaftsmitarbeiters.
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Den leisen und verborgenen Notruf aus Warschau hat sie gemeinsam mit dem Gümliger Apotheker Dr. Andreas Neuenschwander so beantwortet, dass regelmässig Medikamente von hier nach dort geliefert wurden. Lange Schlangen bildeten sich vor der improvisierten «Apotheke» im Gemeindehaus oder in der Sakristei der Kirche. Mit einer strengen Kontrolle auf persönliche Rezepte konnte der Schwarzhandel verhindert werden. Später kamen Kleidersammlungen und -transporte dazu. Das jahrelange Engagement des «Frauenvereins» blieb vielen in Erinnerung – hier wie dort.


Regelmässige Unterstützung bis heute
Warschau boomt. Hochhäuser schiessen wie Spargel aus dem Boden. Dazwischen sind immer wieder alte Backsteingebäude zu entdecken. Vielfach sind die Einschüsse von den Kämpfen in und um die Stadt noch zu sehen. Mehr und mehr verschwindet diese Geschichte. Zeichen der Erinnerung aber lassen sie nicht vergessen. Der Wandel – auch der wirtschaftliche – geht rasch und lässt viele, vor allem ältere Menschen, im Elend zurück. Die «Diakonia» der reformierten Gemeinde hilft seit den 80ern bis heute. Muri-Gümligen unterstützt diese Arbeit heute mit einer namhaften Spende. Etwa 50 Personen werden einmalig oder regelmässig mit Beiträgen an Medikamentenkosten unterstützt. Sorgfältig kontrollieren die Damen der «Diakonia» die Rezepte. «Die Spende aus Muri und Spenden aus unserer Gemeinde helfen enorm, um den bedürftigen älteren und oft hochbetagten Menschen das Leben zu erleichtern», sagt Marzena Matejka, die Verantwortliche für die «Diakonia».


Preisverleihung in ökumenischem Rahmen
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Seit 18 Jahren laden Katholiken, Lutheraner, Reformierte und Orthodoxe zum grossen Dankesfest «Ubi Caritas» ein und ehren Menschen, die sich für andere einsetzen. Eine Urkunde, eine Ikone, ein Kreuz oder eine kleine Glasscheibe erinnern die Geehrten und ermuntern sie zu weiterem Einsatz. Am 29. September 2018 wurde Maria Prendergast (und mit ihr die beiden Vertreter der Kirchgemeinde Muri-Gümligen Hanns Stauffer und Christoph Knoch) in diesem festlichen Rahmen geehrt. Es sei wichtig, dass sie als winzigkleine Kirche bei diesem Anlass selbstverständlich dabei seien, betont Pfarrer Michael Jablonski: «Zweimal im Jahr sind wir dabei. Bei der Einheitswoche im Januar und bei ‹Ubi Caritas› im Herbst…». In der Krypta der St. Florianskirche erklangen ungewohnte Töne zweier polnischer Schlagersängerinnen, eingehüllt in Dampf und bunten Farben …


Gottesdienst in zwei Sprachen
Gottesdienst in der reformierten Kirche Warschau<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>699</div><div class='bid' style='display:none;'>8112</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Im Sonntagsgottesdienst zu Erntedank war Christoph Knoch als Gastprediger eingeladen. Monika Polkowska, die Frau von Pfarrer Michael Jablonski, hat die Übersetzung ins Polnische erstellt und vorgetragen. Beim anschliessenden Gemeindeessen wurde an die lange Geschichte der Beziehungen zwischen Warschau und Muri-Gümligen erinnert. Und dabei auch Apotheker Dr. Andreas Neuenschwander gedankt.

Orgel und deutschsprachige Predigt zum Hören
Pfeil (unten) anklicken.



Friedhofbesuch
Warschau - reformierter Friedhof<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>699</div><div class='bid' style='display:none;'>8114</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Die wechselvolle Geschichte der Gemeinde spiegelt sich auf ihrem Friedhof. Ein Gedenkstein erinnert an den ersten Pfarrer (+1790), viele seiner Nachfolger sind dort bestattet. Zahlreiche Gräber erinnern an die Assimilation vieler Juden im 19. Jahrhundert. Etliche Pfarrer und Gemeindeglieder wurden in Dachau oder anderen Konzentrationslagern umgebracht. Später folgen die Namen derer, die in der Zeit des Kommunismus und des Kriegsrechts sich für andere eingesetzt haben. Gemeinsam gedachten wir der Verstorbenen.


Mitten im Ghetto
Kirche - vom Ghetto umgeben<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>699</div><div class='bid' style='display:none;'>8113</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Die reformierte Kirche, das Gemeindehaus und der Friedhof waren in der Nazizeit fast ganz vom jüdischen Ghetto umschlossen. Weit über 400000 Menschen waren dort eingesperrt. Das neue Museum «Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN» zur jüdischen Geschichte zeigt die guten wie die schrecklichen Zeiten für Jüdinnen und Juden in den letzten Jahrhunderten. Erschreckend nah kam die Kriegszeit als ein Gemeindeglied auf einer der ausgestellten Plakate die Namen von drei Onkeln entdeckt hat, deren Exekution mit über 40 anderen auf der «Bekanntmachung» stand.


Attraktive Gemeinde
Warschau: Pfarrer und Gemeindeglied<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>rkmg.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>699</div><div class='bid' style='display:none;'>8115</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Im Gottesdienst waren sehr viele junge und jüngere Gesichter zu sehen. Bei 425 eingeschriebenen Mitgliedern waren 91 da und 60 beim Abendmahl dabei. Viele der jungen Leute finden in der schlichten reformierten Liturgie und engagierten Predigten das, was ihnen in der römisch-katholischen Mehrheitskirche (über 90% der Bevölkerung sind katholisch) fehlt. «Ein paar Mal war ich schon in Gottesdiensten an Festtagen. Eines Sonntags ging ich viel zu früh zur Kirche – und wurde an der offenen Tür ganz freundlich von Michael begrüsst. Die Orgelmusik, die Predigt, der Empfang, da wusste ich, jetzt bin ich hier zuhause», erzählte eine Englischlehrerin, die sich nun stark in der Gemeinde engagiert. Es seien etwa 15-20 Menschen jedes Jahr, die neu zu unserer Gemeinde stossen, erläutert Michael Jablonski: «Die katholische Kirche ist in vielen Bereichen im System gefangen. Wir sind als Minderheit in vielem frei. Das schätze ich sehr. So habe ich jedes Jahr auch viele Trauerfeiern und Hochzeiten für Menschen, die gar nicht zu uns gehören.»

Kurzer Bericht in den Lokalnachrichten (4. Oktober 2018)
Autor: Christoph Knoch     Bereitgestellt: 14.10.2018     Besuche: 58 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch