Gedanken zum «Raum der Stille» im Thoracherhus

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Fritz Christoph Minder hat sich als Kirchgemeinderat während der Planung des Thoracherhus für die Schaffung eines «Raum der Stille» eingesetzt. Urs Boo hat diesen Text in seinen Unterlagen entdeckt. Er stammt wohl von Mitte der 80er Jahre.



RAUM DER STILLE
Dieser «Raum der Stille» wurde geschaffen zur Besinnung auf die inneren Werte des Menschen, sein substanzielles, aber auch sein wesenhaftes irdisches Dasein und auf seine Beziehungsfähigkeit zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen, zur Umwelt und zur Religion. Es ist ein Raum für den Menschen im Gegensatz zur Kirche, welche ein Raum Gottes ist. Alles an diesem Raum ist symbolhaft.

Der Grundriss
Der «Raum der Stille» soll von innen wie von aussen frei und jederzeit zugänglich sein, er ist gewissermassen eine Nische der Aussenwelt, in die hinein sich jedermann, ob alt oder jung, arm oder reich, gleich welcher Religion oder Staatszugehörigkeit, verkriechen kann, um Stille zur Einkehr zu finden. Der Besucher muss dabei, ob er vom Haus oder von der Strasse herkommt, einen spiralförmigen Weg zurücklegen. Er wird dabei von der Aussenwelt akustisch wie auch optisch zunehmend abgeschirmt.

Der Raum selbst
eröffnet sich dem Besucher zunächst als leerer Raum, von 4 Mauern begrenzt. Diese versinnbildlichen einerseits den materiellen Lebensraum, die 4 Wände, in denen der Mensch lebt, andererseits aber auch den durch Gesetze, Traditionen und soziale Strukturen fixierten Lebensraum. Diese Mauern sind hart und kalt, sie engen ein, verdunkeln, aber gleichzeitig bieten sie auch Schutz und Hort. Wenn es ganz still ist im Raum, spürt man, dass unter diesem Bewusstsein die kalten Mauern aufgehen und unbegrenzt wirken können, was die hellblaue transparente Farbe des Himmels versinnbildlichen soll.
Die Bedeutung des leeren Raums ist aber noch eine ganz andere. Die Leere erfüllt sich nämlich mit der «Schwingung» seines Besuchers, welcher nun allein und für eine bestimmte Zeit von seiner Umwelt abgeschirmt ist. Er fühlt sich selbst, seine Bedürfnisse, seine Wünsche, seine Ängste, seine Leidenschaften, seine Vergangenheit, seine Zukunft, seine Gegenwart, kurz, sein Leben. So, wie man einen musikalischen Klang als solchen erst dann wahrnehmen kann, nachdem er sich in einem Hohlraum gebildet hat. Der Mensch ist nicht nur ein Körper, sondern er ist ein Wesen, eine «Schwingung».$

Der Fels
in der Mitte des Raumes ist der Gegensatz dieser «Schwingung», er ist Sinnbild der materiellen Substanz des Menschen. Eine Schwingung ist nicht möglich ohne Materie. Diese Materie ist unser Körper, welcher in seiner Erbmasse ebenso fixiert ist wie die Mauern, in die wir hineingeboren werden, und er ist ebenso vergänglich wie diese. Unter diesem Bewusstsein aber kann sich auch der Stein auflösen und selbst zu einer schwingenden Masse werden, analog seinem Aufbau aus schwingenden Atomen.

Die Netze
schliesslich (geknüpft von der Frauengruppe Muri) sind Sinnbild für die Beziehungsfähigkeit eines Lebewesens, in welcher sich erst sein Dasein manifestiert. Das Netz ist nur Trägersubstanz für die «Schwingungen», welche hindurchgehen und einen Austausch ermöglichen können. Es kommt nur darauf an, wie grobmaschig oder wie kleinkariert wir sind, wie viele von diesen Schwingungen wir durchlassen wollen oder nicht. Dies betrifft nicht nur die Beziehung zu unseren nächsten Mitmenschen, zu unseren Lebensgefährten, zu unseren Kindern und Angehörigen, zu unseren Freunden, sondern zu jedem Mitmenschen, sei er nun ein Kollege, ein Einheimischer oder ein Fremder, ein Niederer oder ein Höherer.
Unter diesem Bewusstsein erkennen wir, dass auch der andere Mensch einen Raum, ein Beziehungsnetz und Wände hat, welche diesen seinen Raum begrenzen, aber auch öffnen können. Unter diesem Bewusstsein wird auch die Sprache zum Symbol für jeden Einzelnen von uns, für unsere «Schwingung», wenn sie Ausdrücke braucht wie: «es harmoniert», «Stimmung machen», «dieselbe Wellenlänge haben», «Beziehungen anknüpfen», «sich in einem Beziehungsnetz verstricken». Mensch und Umwelt sind weitgehend miteinander «vernetzt».

Bezug der Religion
Die Meditation in einem stillen Raum ist nur sinnvoll, wenn sie in Bezug gebracht wird zu einer höheren Macht, zu Gott. Dadurch werden Materie, Geist und Beziehung von unserer relativen, endlichen, menschlichen Dimension in die absolute, göttliche Dimension der Liebe und Gnade gesetzt.

Bezug zur Zeit
Dieser «Raum der Stille» möchte auch Sinnbild sein für die «Räumlichkeit» und «Stille» unserer Umwelt. Unsere Umwelt macht sich nur still bemerkbar. Diese Stille geht im Lärm, in der Ruhelosigkeit, im Streben nach materieller und politischer Macht, im Überfluss unserer Sinneseindrücke, in der Machbarkeit unseres heutigen Lebens unter.
Es wird von uns abhängen, ob wir unseren Lebensraum weiter zumauern oder ob wir ihn eröffnend «schwingen» lassen wollen. Noch haben wir die Freiheit, uns freiwillig zu verändern.

fcm
(Fritz Christoph Minder, Muri, undatiert)
Autor: Christoph Knoch     Bereitgestellt: 28.06.2018    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch