Gottesdienst (2. Advent) mit szenischer Lesung zu 500 Jahre Reformation (Kunst)

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«Wie finde ich einen gnädigen Gott?» ‹500 Jahre Reformation›. Szenische Lesung mit Astrid Lanz, Schauspielerin; Hansueli Ryser, Pfarrer; Christoph Knoch, Liturgie. Zwischenmusik mit Tönen quer durch die Jahrhunderte: Christine Heggendorn, Orgel.
Der Gottesdienst dauert etwas länger als üblich (bis ca. 11.15 Uhr, Kirchenkaffee in der Kirche)

www.rkmg.ch/kunst
https://twitter.com/ChristophKnoch/status/939413022073872384
Kirche Gümligen

«Körperlichkeit – Theater – Gottesdienst – Kirche»
Pfarrer Hansueli Ryser antwortet auf Fragen der Redaktion reformiert.-Köniz (Ausgabe Juni 2017)

Astrid Lanz und Hansueli Ryser (Foto: Jochen Matthäus)


Warum gab Gott den Menschen einen Körper?
Wenn ich doch nur Gottes Gedanken lesen könnte! Meine Antwort dazu: Gott ist Liebe, und Liebe Ist Beziehung. Gott will nicht alleine sein, und so erschuf er Mann und Frau und liebt sie durch alle Krisen hindurch. Der Körper mit all seiner Kraft und Schwäche ist Zeichen dafür, dass der Mensch geschaffen und damit nicht Gott selber sein kann. Der Körper wächst in seine Kraft hinein – im Psalm 139, 14 ruft der Beter erstaunt: «Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.» Der Mensch lebt seine Zeit, er wird schwächer und vergeht – Er ist der Zeit und damit, wie Tiere und Pflanzen, der Vergänglichkeit unterworfen.

Du machst mit einer Schauspielerin einen Gottesdienst mit theatralischen Elementen. Passt ein Gottesdienst mit Theater überhaupt in die reformierte Kirche?
Die Frage ist berechtigt, denn es gibt immer wieder Befürchtungen, dass religiöse Gefühle durch Theatermachende nicht geachtet, ja, dass der christliche Glaube angegriffen werde. Theatralische Elemente in christlichen Gottesdiensten haben indessen Tradition: Die Tauf- und Abendmahlshandlung, Weihnachts- und Krippenspiele. In diesem Gottesdienst setzen sich die Schauspielerin und ich mit der Frage von Martin Luther «Wie finde ich einen gnädigen Gott?» auseinander. Die Echos auf die Szenen waren positiv.

Reicht «das Wort Gottes» in Form der üblichen Predigt nicht?
Der Körper ist unser Instrument der Wahrnehmung. «Und das Wort ward Fleisch» (Johannes 1, 14) ist die Weihnachtsbotschaft. «Fleisch» bedeutet da für mich «Mensch und Gesellschaft». Das befreiende Wort Gottes kann sich auf ganz verschiedene Weise realisieren – «der Geist Gottes weht, wo er will». Der Theologe Karl Barth hat einmal gesagt, das Wort Gottes könne einen – völlig unerwartet – beim Kaffeetrinken überraschen. Im Gottesdienst können verschiedene Ausdrucksformen mithelfen, mit allen Sinnen offen zu werden für das Wort Gottes, sei es mit Musik, mit einer szenischen Darstellung wie Pantomime und Theater, mit Tanz oder mit einer Wortpredigt.

Hat ein Theater-Gottesdienst etwas mit Spiritualität zu tun?
Kirche und Theater ist gemeinsam, dass sie die Situation reflektieren, in der Menschen und die Welt sich befinden. Beide suchen nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält – der Sinn und das Ziel. Kirche und Theater setzen sich auseinander mit existentiellen Fragen: Das Zusammenleben, die Verantwortung des Einzelnen, Themen wie Schuld, Vergebung, Hoffnung, Sterben und Tod. Ursprünglich geht die Entstehung des Theaters auf religiöse Kulte und Rituale zurück: Die Kommunikation zwischen Menschen und dem Göttlichen wurde dargestellt. Die theatralische Darstellung von existentiellen Fragen im christlichen Gottesdienst können ganz verschiedene Bereiche berühren und tiefe spirituelle Erfahrungen auslösen.

Astrid Lanz und Hansueli Ryser (Foto: Jochen Matthäus)
Ganz allgemein: Bezieht die die reformierte Kirche den Körper zu wenig in ihre Mission mit ein?
Eine allgemeine Antwort gibt es nicht: In vielen Kirchgemeinden werden neue, kreative Ausdrucksformen ausprobiert, um den Körper und seine Wahrnehmung mehr einzubeziehen, in Gottesdiensten, im Unterricht, in Anlässen mit Erwachsenen, in der Seelsorge. Dabei ist Behutsamkeit und Geduld wichtig, weil Menschen mit ganz unterschiedlichen Einstellungen zum Verhältnis von Kirche und Körper unterwegs sind.

Was findet sich aus deiner Sicht in der Bibel noch für bemerkenswerte und durchaus moderne Aussagen zum Körper?
«‹Machen wir einen Menschen nach unserem Bild, gemäss unserer Gestalt!› Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild – als Mann und Frau schuf er sie», so beschreibt das erste Buch Mose die Entstehung des Menschen. «Der Mensch» – er entwickelt sich erst in der lebendigen Beziehung und bleibt zugleich eine in sich unterschiedene Einheit: Gleichwertig unterwegs mit allem, was sie/ihn ausmacht: Freude, Schmerz, Mut, Trauer, Sexualität, Kraft und Schönheit. Menschen werden ermächtigt, sich in ihrer Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit wahr- und ernst zu nehmen. Das eröffnet neue Perspektiven: Unterschiedlichkeit wird zum Ausgangspunkt lebendiger Beziehungen untereinander. Und ein Blick in das Hohelied der Liebe im Alten Testament zeigt eine Poesie, von der heute vielleicht manches knappe SMS an den geliebten Menschen inspiriert werden könnte: «Du bist so schön, meine Freundin! Deine Augen sind Tauben hinter Deinem Schleier. Wie eine scharlachrote Kordel sind Deine Lippen und Dein Mund ist hinreissend, der Duft Deiner Salböle ist köstlicher als alle Balsamdüfte.» (aus Hohelied 4).