20.11.2016, 17 Uhr: Totengedenken am Ewigkeitssonntag

Blickwechsel: Veränderungen sind spannend. Veränderungen machen Angst. Wir leben aufgrund von Veränderungen – dank des Stoffwechsels. Seit den Anfängen ändert sich das Universum ständig. Weniger als 10 Prozent hätten wir «entdeckt», sagt die Wissenschaft. Und doch sei das Universum nicht unendlich.
Am kommenden Sonntag wird der «Ewigkeits- oder Totensonntag» in den von der Reformation geprägten Kirchen und Gemeinden begangen. Die Namen der Verstorbenen des letzten Jahres werden gelesen. So wird der Blick noch einmal auf sie gerichtet. Gemeinsam erinnern wir uns. Gemeinsam kommt die Veränderung in den Blick, die jeder Abschied mit sich bringt.

«Seht ihr den Mond dort stehen?», fragt Matthias Claudius im Abendlied. Den Mond sehen wir nie gleich. Was wir sehen ist täglich anders. Dieser Tage war der Vollmond besonders gross. Erst 2034 seien sich Erde und Mond wieder so nah. Veränderungen, die ohne unser Zutun ablaufen.
Was verändern wir? Was wird der neue Präsident in Amerika an Veränderungen bringen? Niemand weiss das so genau. Der Blick über den Zaun, ein Blickwechsel, der nicht nur sich selber, sondern auch andere wahrnimmt, ist wichtig.
Spinnennetz  (Foto: Christoph Knoch)

Mit dem Bild des Spinnennetzes haben wir die Angehörigen eingeladen.
Sie, liebe Leserin, lieber Leser der Lokalnachrichten, haben einen Ausschnitt des Bildes schon vor einigen Wochen gesehen. Der Text zum Reformationssonntag hatte das Netz im Blick. Die Tautropfen machen die feinen und leicht zu zerreissenden Fäden sichtbar. Heute lenke ich den Blick auf das ganze Bild. Der Pfosten des Weidezauns steht fest im Boden. Er muss so stabil sein, dass die Kühe auf der Weide bleiben. Ob ich so stabil stehe? Der Stacheldraht verhindert, dass die Kühe weglaufen können. Er sticht und macht weh. Und genau da hat die Spinne, die wir nicht sehen, ihr zartes und doch zähes Netz gespannt, um ihre Nahrung zu fangen.

Wer genau hinsieht, sieht im unscharfen Hintergrund Bäume, Büsche, Wiesen, die letzten reifen Äpfel. Ich habe aber auf das Netz fokussiert. Den Stacheldraht habe ich erst am Bildschirm entdeckt. Ich brauche ein Netz, das mich auffängt wenn der spitze Stacheldraht im Leben zu sehr sticht. Ich brauche einen Pfosten, der mir Halt gibt. Bei jedem Blickwechsel fokussiere ich neu – und anders. Am Ewigkeitssonntag weitet sich für mich der Blick auf die ganze Welt, das ganze Universum. Die Stacheln des Abschieds und der Trauer lassen sich nicht wegwischen. Vielleicht aber lässt sich die Welt trotz allem mit anderen Augen sehen.

Christoph Knoch